Asperger und Schule

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Vor ein paar Wochen hat mir eine Freundin von mir ein paar Fragen zu meiner Schulzeit gestellt. Sie sollte nämlich in ihrem Lehramt Studium ein Referat über Autismus halten. Als ich die Fragen beantwortet habe, ist mir aufgefallen, dass ich hier auf meinem Blog noch nie von meiner Schulzeit erzählt habe. Das will ich jetzt nachholen. Ich wusste während meiner Schulzeit nicht, dass ich Asperger habe, sondern ich habe die Diagnose erst vor ca. einem Jahr im Alter von 22 bekommen. Manchmal frage ich mich, wie es sein kann, dass das Asperger-Syndrom nicht schon früher bei mir entdeckt wurde. Wenn ich an die Grundschulzeit und die ersten Jahre im Gymnasium zurückdenke, gab es zwar nicht so viele Hinweise auf Asperger. Aber in den letzten Jahren im Gymnasium habe ich schon ziemlich viele Probleme entwickelt.

Drei verschiedene Grundschulen

Ich bin auf drei verschiedene Grundschulen gegangen, weil wir oft umgezogen sind. Man könnte denken, dass das ein großes Problem für mich gewesen wäre, aber das war es gar nicht. Ich glaube, früher habe ich mir mit neuen Dingen nicht so schwergetan, weil man als Kind immer an die Hand genommen wird. Jedes Mal, wenn ich zum Beispiel an eine neue Schule gekommen bin, waren dort sofort Mädchen, die mir mit allem helfen wollten und mir alles zeigen wollten. Als ich an meine dritte Schule gekommen bin, habe ich zum Beispiel ein Mädchen kennengelernt, das bis heute meine beste Freundin ist und ihr konnte ich einfach immer folgen. Das hat es ziemlich einfach für mich gemacht. Ich weiß nicht, ob anderen an mir schon vorher etwas aufgefallen ist. Aber wenn ich zurückdenke, sehe ich in der vierten Klasse die ersten Anzeichen, dass ich anders war als die anderen Kinder. Wir hatten zum Beispiel einen Kicker in unserem Klassenzimmer und in der Pause haben alle natürlich immer gespielt. Ich wollte auch unbedingt spielen, aber ich hatte keine Ahnung, wie es funktioniert. Also nicht das Spiel an sich, sondern die soziale Situation drum herum. Wem hätte ich zum Beispiel sagen soll, dass ich spielen wollte, und wann wäre ich dran gewesen? Für die anderen Kinder war das eine ganz natürliche Situation und die haben gar nicht über solche Dinge nachgedacht. Ich hatte aber keine Ahnung, was ich machen sollte, also habe ich so gut wie nie Kicker gespielt.

Problemlose Zeit am Gymnasium

Ein Jahr später bin ich in die fünfte Klasse ans Gymnasium gekommen. Ich hatte meine beste Freundin dabei. Das heißt, das der Übergang war kein großes Problem. Zumindest soweit ich mich erinnern kann. Die nächsten fünf Jahre am Gymnasium sind wie auch an der Grundschule wirklich gut verlaufen. Ich habe von vielen Autisten gehört, dass sie in der Schule gemobbt wurden, aber das war bei mir nie ein Thema. Ich bin immer gerne in die Schule gegangen. Ich habe es tatsächlich genossen, weil es in der Schule so viel Struktur gab. Es waren immer die gleichen Fächer zur gleichen Zeit. Ich war immer mit den gleichen Leuten in einer Klasse und ich hatte vor allem genug Freundinnen in meiner Klasse. Selbst die Pausen waren kein Problem, weil wir da auch immer genau das Gleiche gemacht haben. Das einzige kleine Problem in diesen Jahren, das auch immer schön im Zeugnis notiert wurde, war, dass ich mich nie gemeldet habe. Ich weiß nicht, ob das mit Asperger zusammenhängt, aber ich konnte mich einfach nicht melden, selbst wenn ich die Antworten meistens wusste. Ich tue mir bis heute schwer damit es zu erklären. Aber ich melde mich auf jeden Fall immer noch nicht gerne. Es hängt irgendwie damit zusammen, dass man ja nicht sicher sein kann, dass man drangenommen wird, wenn man sich meldet. Diese Ungewissheit mag ich nicht. Ich würde mir total blöd vorkommen, wenn ich mich melden würde und dann nicht drangenommen werden würde. In der Uni ist es also zum Beispiel kein Problem für mich etwas zu sagen, weil wir uns dort nicht melden müssen. Das heißt, ich kann einfach einen Moment abwarten, bis niemand redet und dann kann ich selbst etwas sagen.

Neue Kurse in der Oberstufe

Abgesehen von dem Nicht-Melden sind die ersten 10 Jahre in der Schule wirklich gut gelaufen. Als ich allerdings in die Oberstufe gekommen bin, ist gar nichts mehr gut gelaufen für mich. Ich weiß nicht, wie es in andern Bundesländern läuft, aber in Bayern hat man einen Hauptkurs. Das ist eine feste Klasse, mit der man ein paar bestimmte Fächer wie Mathe, Deutsch und Geschichte zusammen hat. In allen anderen Fächern hat man komplett unterschiedliche Klassen. Das heißt, man ist immer mit anderen Leuten zusammen. Und ich hatte mit meinem Grundkurs und so gut wie allen anderen Fächern komplett Pech! In den meisten Fächern hatte ich nur eine Freundin, die ich relativ gut kannte, einen Jungen, mit dem ich mich zumindest gut verstanden habe und ein anderes Mädchen, mit der ich mich langsam angefreundet habe. Ansonsten habe ich mit niemandem geredet. Das heißt, mein Sicherheitsnetz aus Freunden war komplett verschwunden. Ich habe mich extrem unwohl gefühlt. Aber das war nicht genug. Unsere Pausen haben sich plötzlich auch geändert. Meine besten Freundinnen waren alle zusammen in einem Kurs und haben sich mit den anderen in ihrem Kurs angefreundet. Die haben dann zusammen die Pause verbracht und auf einmal gab es keine Struktur oder Routinen für unsere Pausen mehr. Ich kam mir oft wie ein totaler Außenseiter vor. Ich hatte keine Ahnung, wie meine Freunde sich so schnell mit den anderen in ihrem Kurs angefreundet haben. Mit meinen nicht vorhandenen Small-Talk-Skills habe ich mir da eher schwergetan.

Prüfung verweigert

Das soziale Zusammensein war sicherlich die größte Herausforderung für mich in der Oberstufe. Was aber auch schwierig war, waren neue Prüfungsarten. In Spanisch sollten wir mal ein Buch lesen und Fragen dazu beantworten. Ich war extrem gut in Spanisch. Das war also kein Problem. Der zweite Teil der Prüfung bestand allerdings darin, dass man mit der Lehrerin in einen Nebenraum sollte und mündlich Fragen beantworten sollte. Und das war ein Riesen Problem für mich. Vom Sprachlichen hätte ich es locker geschafft, aber ich habe die Art der Prüfung gehasst. Ich wusste nicht, in welchen Raum wir hätten gehen müssen und wie die Prüfung abgelaufen wäre. Und vor allem hätte ich mit der Lehrerin Augenkontakt halten müssen. Ich habe mich schon bei dem Gedanken an die Prüfung so schlecht gefühlt, dass ich der Lehrerin gesagt habe, dass ich die Prüfung nicht machen werde. Ich habe also eine sechs bekommen.

Krankmeldungen selber unterschreiben

Dadurch dass es in der Oberstufe so viele Veränderungen gab und ich nicht mehr meine Freunde als Sicherheitsnetz hatte, habe ich angefangen die Schule immer mehr zu hassen. Es ging mir psychisch auch immer schlechter. Ich wollte morgens nicht einmal mehr aufstehen. Als ich in die 12. Klasse gekommen bin, bin ich 18 geworden. Und das hieß, dass ich meine Krankmeldungen selbst unterschreiben konnte. Ich bin dann fast jede Woche mindestens einen Tag daheim geblieben. Es war eine wirklich schwierige Zeit, aber irgendwie habe ich es trotzdem geschafft und sogar einen guten Abiturdurchschnitt bekommen.

Was Lehrer über Asperger wissen sollten

Ich glaube auf jeden Fall, dass es mir geholfen hätte, wenn ich meine Asperger-Diagnose schon im Gymnasium gehabt hätte. Vielleicht hätten meine Lehrer dann etwas Rücksicht nehmen können. In meinem nächsten Beitrag schreibe ich darüber, was Lehrer über Asperger wissen sollten und wie sie Autisten helfen könnten. Wenn ihr den Beitrag nicht verpassen wollt, könnt ihr meine Seite auf Facebook abonnieren: https://www.facebook.com/unbemerkt.eu/

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