Emotionale Phasen nach der Diagnose

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Es gibt viele Momente im Leben, in denen man durch emotionale Phasen geht. Das kann bei einer Schwangerschaft, einem Umzug, dem Verlust von jemandem oder größeren Veränderungen im Leben sein. Mir ist aufgefallen, dass ich nach meiner Asperger Diagnose auch durch verschiedene emotionale Phasen gegangen bin bzw. immer noch dabei bin. Diese Woche ist es genau ein Jahr her, dass ich meine Diagnose bekommen habe und ich glaube, ich stecke gerade zwischen der dritten und vierten Phase.

Phase 1: Erleichterung
Als ich meine Asperger Diagnose bekommen habe, war ich die ersten Wochen oder sogar Monate extrem erleichtert. Ich war überglücklich die Diagnose bekommen zu haben. Vielleicht habt ihr mein Video gesehen, dass ich kurz nach meiner Diagnose aufgenommen habe: http://www.unbemerkt.eu/de/tag-der-diagnose-asperger-syndrom/ In dem Video habe ich die ganze Zeit vor Freude gestrahlt. Für Außenstehende klingt es bestimmt komisch, dass ich so glücklich über meine Diagnose war, aber es war einfach eine riesige Erleichterung. Ich habe mich jahrelang komisch und anders gefühlt, aber ich wusste nie wieso. Durch meine Diagnose hatte ich endlich eine Erklärung und wusste, dass ich nicht komisch bin, sondern dass es viele Menschen gibt, die die Welt so wahrnehmen wie ich.

Phase 2: Erkenntnis
Nachdem ich die Diagnose bekommen habe und erst mal nur erleichtert war, bin ich langsam in die nächste Phase gekommen. Bei mir kam es überhaupt zu der Diagnose, weil ich mich in einer Dokumentation über Asperger wiedererkennen konnte. Seitdem ich den Verdacht hatte Asperger haben zu können und besonders nachdem ich die Diagnose bekommen habe, habe ich wirklich viel darüber recherchiert. Ich habe langsam angefangen zu erkennen, wie viele autistische Züge ich habe. Es gab plötzlich so viele Dinge, die ich mit Autismus erklären konnte. Die Symptome kamen natürlich nicht plötzlich, aber ich hatte auf einmal einen Namen für mein Denken, meine Wahrnehmung und mein Verhalten. Ich habe mir immer öfter gedacht: „Ah, ich reagiere vermutlich so, weil ich Asperger habe.“ Autismus ist ein Teil von mir und man kann Autismus nicht von mir entfernen. Das heißt, ich kann eigentlich nicht unterscheiden, ob eine Verhaltensweise wegen dem Autismus so ist oder ob es meine eigene Persönlichkeit ist. Aber mir ist in dieser Phase immer mehr aufgefallen, wie viele meiner Symptome ähnlich wie bei anderen Autisten sind. Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht übel, dass ich von Symptomen schreibe. Ich mag das Wort eigentlich selbst nicht, weil ich dabei immer an Krankheiten denke und Autismus ist keine Krankheit. Aber „Symptome“ ist der beste Überbegriff, der mir für Denken, Wahrnehmung und Verhalten einfällt.

Phase 3: Frustration
Nachdem ich erkannt habe, wie autistisch ich tatsächlich bin, kam die Phase der Frustration. Und um ehrlich zu sein, kämpfe ich immer noch damit frustriert zu sein. Die Autisten, die ihre Diagnose akzeptiert haben, sagen immer ganz stolz, dass sie sich vollkommen als Autisten akzeptieren und nicht neurotypisch (ohne Autismus) sein wollen würden. Ich wünschte, ich könnte das Gleiche sagen. Aber ich war schon immer ehrlich auf diesem Blog und erzähle auch von den nicht so schönen Dingen. Ich gebe es also zu: Ich habe mir meinen Autismus schon öfters weggewünscht. Autismus kann wirklich anstrengend und energieraubend sein und manchmal fühle ich mich einfach eingeschränkt. Autismus wird nicht ohne Grund oft als Behinderung angesehen. Es muss nicht unbedingt tatsächlich so sein, aber es kommt mir oft so vor, als ob Neurotypische es im Alltag oft einfacher hätten als Autisten und das ist frustrierend.

Phase 4: Akzeptanz
In den Momenten, in denen ich nicht frustriert bin, habe ich es in die nächste Phase geschafft. Ich wechsle oft zwischen Frustration und Akzeptanz. Es ist auf jeden Fall mein Ziel meine Asperger Diagnose und somit auch mich selbst als Autistin voll und ganz zu akzeptieren. Es ist ein großes Ziel. Ich glaube, dass es viele Leute gibt, die sich nicht vollständig akzeptieren. Aber ich glaube, ich bin auf einem guten Weg. Um ehrlich zu sein hat mir eine meiner Leserinnen dabei geholfen. Ich habe mal in einem Blogbeitrag geschrieben, dass es schön wäre ein autistisches Vorbild zu haben. Und daraufhin hat sie mir geschrieben, dass ich für sie so ein Vorbild bin. Erst als ich das gelesen habe, ist mir aufgefallen, wie gut ich eigentlich in meinem Leben zurechtkomme. Ich stoße jeden Tag auf Herausforderungen, aber ich meistere sie auch. Ich wohne selbstständig, ich habe Geld gespart um finanziell zurecht zu kommen, ich habe es geschafft ein Studium anzufangen, ich bin dabei zu lernen auf meinen Körper zu hören und ich komme gut durch meinen Alltag. Wenn ich nicht gerade in der Frustrationsphase stecke, bin ich ziemlich stolz auf all das.

5 Comments
  • Anni

    Antworten

    Hi,
    Bei mir kam noch dazu, dass ich irgendwo zwischen Erleichterung und Erkenntnis immer wieder gezweifelt habe: Und was, wenn die Diagnostiker sich geirrt haben? Auch mit einer gewissen Hoffnung verbunden, eben doch „dran arbeiten zu können“ oder es medikamentös zu behandeln wie z.B. ADHS (siehe Frust)

    • Nici

      Nici

      Hi Anni,
      Das ist wirklich interessant. Es macht wirklich Sinn, dass man noch ein bisschen Hoffnung hat, dass man etwas heilbares hat.
      Liebe Grüße
      Nici

  • Autistenkind

    Antworten

    Toller Beitrag! Ich bin M23, bei mir wurde Asperger-Autismus im Kindesalter aufgrund mehrerer Auffälligkeiten von mehreren Psychologen diagnostiziert. Ich habe damals selbst schon gemerkt, anders zu sein. Ich hatte nie wirklich viele Freunde, vor allem nur selten mal gleichaltrige.

    Ich würde gerne meine Erfahrung erzählen, doch leider ist die Zeichenanzahl in den Kommentaren limitiert.

    Lg

    • Nici

      Nici

      Hi,
      Falls du Lust hast mal in einem Gastbeitrag von deinen Erfahrungen zu erzählen, kannst du mich jederzeit anschreiben 🙂
      Liebe Grüße
      Nici

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