Asperger und Studium

Mein erstes Studium

Wie viele von euch bestimmt wissen, bin ich 2014 nach Dänemark gezogen. Ich war dort erst einmal ein Jahr an einer Art Ganztags-Volkshochschule (Højskole). 2015 habe ich dann ein Studium an einer FH angefangen. Der Studiengang ging um Entrepreneurship, Innovation, Design und Marketing. Ich wurde erst 2017 mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert, das heißt, ich wusste während meines Studiums noch nicht, dass ich Autistin bin. Deswegen war es wirklich schwierig für mich herauszufinden, wie ich am besten studiere, sodass das Ganze nicht zu einer unüberwindbaren Herausforderung wird. Ich hatte zudem auch noch eine Depression und das hat alles natürlich noch schwieriger gemacht.

Soziale Schwierigkeiten

Mit dem Fachlichen habe ich mir in meinem Studium so gut wie gar nicht schwergetan. Ich hatte zum Glück vieles davon schon an der Højskole gelernt. Aber der ganze soziale Teil meines Studiums war eine riesige Herausforderung für mich. Wir waren nur ca. 15 Leute in der Klasse, das heißt, alle kannten sich relativ gut, aber trotzdem kam ich mir immer wie eine Außenseiterin vor. In meiner Klasse war einfach niemand, mit dem ich mich wirklich verstanden habe. Ich hatte auch einfach keine Ahnung, über was ich mich mit den anderen unterhalten sollte. Ich habe die Pausen also sehr gehasst! Es gab immer wieder mal ein paar, mit denen ich kurz gequatscht habe, aber nie so, dass ich mich in meiner Klasse wohlgefühlt hätte. Für solche Pausensituationen gibt es ja auch keine wirkliche sozialen „Regeln“, das heißt woher soll ich denn auch wissen, wie ich mich verhalten soll?

Abbruch des Studiums

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es geschafft habe, aber ich habe die ersten beiden Semester durchgehalten. Im dritten Semester wurde mir dann aber doch alles zu viel und ich wurde krankgeschrieben. Weil das Studium an einer FH war und man somit nicht einfach Kurse wann anders belegen konnte wie an einer Uni, war ich für den ganzen Rest des Jahres krankgeschrieben. Im Sommer darauf hätte ich das Studium fortsetzen sollen, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Asperger Diagnose schon. Und deswegen ist mir klargeworden, dass das Studium einfach nicht zu mir passt. Es war einfach nicht strukturiert genug für mich und Jobs nach dem Studium wären später sicherlich auch nicht passend für mich gewesen. Deswegen habe ich mich dazu entschieden mein Studium abzubrechen.

Mein neues Studium

Nachdem ich meine Asperger Diagnose bekommen habe, habe ich ein paar Leute in einer Autismus Gruppe kennengelernt. Einer von ihnen hat Informatik studiert. Ich war früher nie an Informatik interessiert. Ich wusste ehrlich gesagt auch nichts darüber. Aber ich bin trotzdem neugierig geworden. Dieser Autist war dann so nett und hat mir ein bisschen programmieren gezeigt. Ich fand es tatsächlich interessant und habe dann sogar herausgefunden, dass ich es in meiner Stadt studieren könnte. Das vorherige Studium war in einer anderen Stadt und es war wirklich anstrengend jeden Tag mehrere Busse oder Züge zu nehmen. Deswegen fand ich es super, dass es einen interessanten Studiengang in meiner Stadt gibt. Ich habe mich also für ein Informatik Studium entschieden.

Offenheit

Ich habe mich schon vor dem Studium entschieden, dass meine Lehrer und Mitstudenten über meine Asperger Diagnose Bescheid wissen sollten. Die erste, mit der ich über meine Diagnose geredet habe, war meine Studienberaterin. Ich hatte schon vor Studienbeginn einen Termin mit ihr. Sie konnte mir von verschiedenen Hilfsangeboten erzählen und sie hat es auch übernommen meinen Lehrern von meiner Diagnose zu erzählen. Das war also ganz leicht. Es ist auch wirklich gut gelaufen, als ich den anderen aus meiner Klasse von meinem Autismus erzählt habe. Es ist wirklich gut, dass sie Bescheid wissen, weil man dann viel leichter Missverständnisse umgehen kann.

Unterstützung im Studium

Asperger und Studium

Asperger und Studium

Die größte Unterstützung in meinem Studium ist, dass ich einen Mentor habe. Ich treffe mich einmal in der Woche mit ihm und er kann mir beim Strukturieren meiner Aufgaben helfen und auch zwischen mir und meinen Lehrern „übersetzen“. Kommunikation ist vermutlich eine der größten Herausforderungen in meinem Studium. Meine Lehrer verstehen meine Bedürfnisse nicht immer. Deswegen versuche ich bei wichtigen Gesprächen immer jemanden dabei zu haben, der mir und meinen Lehrern dabei helfen kann, dass wir uns gegenseitig wirklich verstehen.

Manchmal kann mein Mentor auch Gespräche für mich übernehmen. Dadurch, dass alle von meiner Diagnose Bescheid wissen, kann ich auch offen sagen, wenn mir etwas zu viel wird und ich nicht genug Energie habe eine Aufgabe zu lösen. Da sind meine Mitstudenten und Lehrer eigentlich immer sehr verständnisvoll. In unserem Studium geht es außerdem viel um Gruppenarbeit. Wegen meiner Diagnose kann ich aber beantragen alleine arbeiten zu dürfen, anstatt in einer Gruppe sein zu müssen. Das ist sehr viel einfacher für mich.

Fazit

Ob und wie man studieren kann, wenn man Asperger Autist ist, ist sicherlich etwas, das jeder für sich selbst herausfinden muss. Persönlich bin ich sehr froh, dass ich in einer kleinen Klasse bin und mein Studieninhalt sehr strukturiert ist. Ich bin wirklich zufrieden mit meinem Studium. Aber ich würde mir trotzdem wünschen, dass man es besser an Autisten anpassen könnte. Ich würde mir wünschen, dass meine Lehrer mich zum Beispiel besser verstehen könnten. Und es wäre wirklich super, wenn man Teilzeit studieren könnte. Das ist an manchen Unis in Dänemark möglich aber nicht an FHs, auf jeden Fall nicht an meiner. Was ich auf jeden Fall jedem empfehlen würde, ist zumindest den Lehrern von der Diagnose zu erzählen. Ich glaube nicht, dass ich durch mein Studium kommen könnte, wenn niemand etwas von meiner Diagnose wüsste.