Komorbiditäten

Viele Menschen, die eine Asperger Diagnose haben, haben auch andere Diagnosen. Diese nennt man Komorbiditäten. Ein anderes Wort für Komorbiditäten ist eigentlich Begleiterkrankungen, aber das Wort passt im Fall vom Asperger Syndrom, finde ich, nicht immer. Immerhin ist Asperger keine Erkrankung. Und man könnte zum Beispiel neben dem Asperger Syndrom auch ADHS haben und das ist auch keine Erkrankung. Deshalb bleibe ich lieber bei dem Begriff Komorbiditäten. Begleitdiagnosen wäre, finde ich, auch ein passender Begriff. Auf jeden Fall sind Beispiele für Komorbiditäten bei Asperger ADHS, OCD, Angststörungen, Depressionen und Essstörungen. In den letzten Jahren habe ich auch einige dieser Diagnosen bekommen. Die meisten Diagnosen habe ich vor meiner Asperger Diagnose bekommen, aber ich bin mir trotzdem sicher, dass alle mit meinem Asperger-Syndrom zusammenhängen. In diesem Beitrag will ich ein bisschen davon erzählen, wie es ist mit den verschiedenen Diagnosen zu leben.

Selbstverletzung
Selbstverletzung ist an sich keine richtige Diagnose, aber es war bei mir das erste Zeichen dafür, dass irgendwas nicht ganz gepasst hat. Deswegen denke ich, es ist wichtig auch darüber zu schreiben. Ich habe angefangen mich selbst zu verletzen, als ich 15 war. Circa sieben Jahre lang gab es dann immer wieder Phasen, in denen ich mich selbst verletzt habe. Ich glaube, dass ich einfach einen Ausweg brauchte, wenn mir meine Gefühle zu viel geworden sind. Ich wünschte, ich könnte euch eine inspirierende Geschichte erzählen, wie ich es geschafft habe Selbstverletzung von mir zu legen. Aber die Geschichte ist nicht wirklich spannend.

Meine Kontaktperson hat mir immer gesagt, dass ich meine Gefühle aushalten soll und dass Weglaufen (Selbstverletzung) keine Lösung ist. Irgendwann habe ich es auf einmal tatsächlich verstanden. Meine Gefühle sind nicht gefährlich. Sie können unangenehm sein, aber wenn ich sie aushalte, verschwinden sie irgendwann auch wieder. Selbstverletzung ist einfach nur eine vorübergehende Lösung.

Essstörungen
Zwei Jahre, nachdem ich angefangen habe mich selbst zu verletzen, habe ich eine Essstörung entwickelt. Ich dachte, ich wollte einfach nur abnehmen und dünn sein, aber der einzige Grund dafür war, dass ich Kontrolle haben wollte. Immer wenn mir meine Gefühle zu viel wurden oder mein Leben generell überwältigend war, habe ich aufgehört zu essen und angefangen Sport zu treiben. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass ich wieder komplett gesund bin.

Seit ich realisiert habe, dass mir Selbstverletzung nicht hilft, läuft es recht gut. (Für mich sind Selbstverletzung und Essstörungen so gut wie das Gleiche, weil es für mich Strategien sind, die ich benütze, wenn mir alles zu viel wird.) Aber ich habe auch hin und wieder Rückschläge. Zum Glück liebe ich Essen aber so sehr, dass meine Rückschläge nie lange anhalten.

Depression
Leider waren meine Probleme mit der Selbstverletzung und der Essstörung nicht genug. Als ich 20 war, habe ich auch noch eine Depression bekommen. Ich wusste nicht, dass ich Asperger habe und wie schwer ich mir mit Veränderungen tue. Als ich 20 war, gab es in meinem Leben jede Menge Veränderungen und das war einfach zu viel für mich. Deshalb habe ich eine Depression bekommen. Ich habe Gesprächstherapie ausprobiert, aber mir ging es so schlecht, dass wir damit nicht weitergekommen sind. Also habe ich angefangen Medizin zu nehmen. Ich war mehrere Jahre krank, aber am Ende bin ich aus der Depression rausgekommen.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich mich selbst und meine Gefühle durch eine Therapie besser kennengelernt hätte und ich dadurch wieder gesund geworden bin. Aber das ist nicht die Wahrheit. Ich wurde in der ambulanten Psychiatrie zu den verschiedensten Ärzten und Psychologen geschickt, aber wirkliche Therapie habe ich nicht bekommen, nachdem ich meine Medizin hatte. Was mir also das Leben gerettet hat, waren meine Medikamente.

Angststörung
Als ich meine Asperger Diagnose bekommen habe, dachte ich, dass ich nie wieder psychische Probleme haben würde. Ich dachte, dass ich endlich wusste, wie ich am besten auf mich aufpasse. Aber es hat nicht wirklich so hingehauen. Als ich 24 war, habe ich auf einmal eine Angststörung bekommen. Meine erste Panikattacke kam total plötzlich. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich weiß, wieso ich die Angststörung bekommen habe. Aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass mein Leben zu dem Zeitpunkt einfach immer noch nicht Autismus-freundlich genug war. Das Leben ist nicht für Autisten ausgerichtet, das heißt, wir brauchen mehr Strategien, um in der Welt zurecht zu kommen. Anscheinend hatte ich noch nicht genug Strategien und deswegen nehme ich an, dass ich die Angststörung bekommen habe.