Screenshot eines Videos auf der linken Seite. Rechts: "Journalistische Verantwortung einer Krankenkasse"

Journalistische Verantwortung einer Krankenkasse

Vor kurzem hat die Techniker Krankenkasse ein Video veröffentlicht: „Asperger / Autismus – Teil 1 | Gesundheit unter vier Augen (mit Marius Angeschrien)“ Hier ist meine Meinung zu dem Video. Ich erzähle unter anderem über die journalistische Verantwortung einer Krankenkasse.

“Kein Interesse an sozialen Interaktionen”?!?!

Liebe Techniker Krankenkasse,

Es freut mich jedes Mal, wenn über Autismus Spektrum Störungen berichtet und Aufklärungsarbeit geleistet wird. Als ich gesehen habe, dass ihr ein Video über Autismus gemacht habt, war ich wirklich gespannt…und schon nach den ersten 30 Sekunden des Videos auch ziemlich enttäuscht. Wie kann man ein Video über Autismus damit einleiten, dass Autist:innen angeblich „keine Empathiefähigkeit“ und „kein Interesse an sozialen Interaktionen“ hätten? So eine veraltete Sicht auf Autist:innen sollte auf keinen Fall verbreitet werden, denn es ist eine falsche Generalisierung. Es würde mich sehr interessieren, welche Quellen diese Aussagen bestätigen. Viele Autist:innen tun sich schwer im sozialen Miteinander. Das möchte ich gar nicht abstreiten. Aber dass uns das Interesse an sozialen Interaktionen fehle, ist ein falsches Vorurteil. 

Die Verantwortung einer Krankenkasse

Als Krankenkasse habt ihr eine Verantwortung gegenüber der breiten Bevölkerung. Menschen vertrauen euch und erwarten, dass die Informationen, die auf euren Kanälen zu finden sind, gut recherchiert sind und der Wahrheit entsprechen. Falsches Wissen über Autismus belastet Autist:innen unglaublich im Alltag. Es gibt so viele Menschen, die daran arbeiten Stigmatisierung abzubauen und Vorurteile zu beseitigen. Ihr macht unsere Arbeit mit diesem Video nicht einfacher. 

Einschränkungen und Behinderungen

Lieber Julius, du bist selbst Autist hast bei dem Video der TK mitgewirkt. Du erzählst, dass du deine Einschränkungen nicht als Einschränkungen sehen möchtest, weil “dann wertet man sich selber so ein bisschen ab”. Du siehst Autismus auch nicht als Behinderung, erzählst aber gleichzeitig, dass du einen Schwerbehindertenausweis hast. Ich finde es so schade zu sehen, dass die Wörter „Einschränkungen“ und „Behinderung“ anscheinend immer noch so negativ angesehen werden, dass man den Bezeichnungen wohl aus dem Weg gehen will. 

Meine Meinung zu den Begriffen

Ich persönlich sehe es so: Ich habe Einschränkungen im Alltag. Ansonsten hätte ich keine Diagnose. Und diese Einschränkungen behindern mich. Daher bezeichne ich meinen Autismus sehr wohl als Behinderung

Die Verantwortung von Julius

Julius, ich respektiere deine Meinung selbstverständlich. Ich sehe es nur so, dass du auch eine gewisse Verantwortung hast, wenn du Autist:innen in einem solchen Video repräsentierst. Es gibt so viele Menschen mit Behinderung/behinderte Menschen, die dafür kämpfen, dass der Begriff „Behinderung“ endlich in der Gesellschaft akzeptiert und anerkannt wird. Wenn dann wieder und wieder Menschen in den Medien auftreten, die anscheinend nicht mit dem Wort zurechtkommen, macht das die Arbeit zur Entstigmatisierung immer schwieriger. 

Das “Asperger-Syndrom”

Und dann noch ein kleiner Hinweis am Rande. Der Experte im Video beschreibt so schön, dass das Asperger-Syndrom eine Unterklassifizierung WAR und man jetzt von einer Autismus Spektrum Störung spricht. Wieso, liebe TK, beharrt ihr trotzdem auf den Begriff “Asperger-Syndrom”?

1 Kommentar zu „Journalistische Verantwortung einer Krankenkasse“

  1. Hallo Nicole,

    das mit der Empathie ist sehr schwierig. Es kommt auf die Definition an. Es gibt so viele Definitionen von Empathie. Meistens ist damit gemeint, dass Autisten Empathie nicht intuitiv, automatisch, ohne weitere Denkanstrengung empfinden können. Ein Nicht-Autist kann die Gefühle des Gegenüber intuitiv erkennen, ganz automatisch, das macht das Gehirn quasi im Hintergrund. Ein Autist kann das in der Regel nicht automatisch. Mit zunehmendem Alter und Erfahrung erkennen wir generell schon die Gefühle des Gegenübers, aber auch nur deshalb, weil wir bestimmte Mimiken, Körperhaltungen, Aussagen etc. gelernt haben zu interpretieren. Es erfordert aktives Denken und Entschlüsseln, um die Gefühlswelt des Gegenüber zu lesen. Deshalb würde ich sagen, es kommt auf die Definition von Empathie an, ob Autisten Empathie beherrschen oder nicht. Aber wenn man nur den Satz dahinstellt, Autisten können keine Empathie erfinden, wirkt das schon so, als wären wir total die gefühlskalten Menschen, deshalb finde ich das auch nicht gut, solche Behauptungen ohne nähere Erläuterung aufzustellen.

    Was den Begriff Behinderung angeht, das muss jeder Autist natürlich für sich selbst entscheiden, wie er das sieht. Ich fühle mich, ähnlich wie du, auch eingeschränkt und ja, auch behindert. Ich nenne es auch offen eine Behinderung und habe absolut kein Problem damit. Ich finde, Behinderungen und behinderte Menschen sind ganz normal in einer menschlichen Gesellschaft und sollten kein Stigma sein oder etwas, wofür man sich schämen sollte oder wofür man benachteiligt werden sollte durch die Gesellschaft.

    Mich ärgert das so dermaßen, wie viele Autisten von sich sagen, sie sehen es nicht als Behinderung, fühlen sich nicht behindert und haben dann einen Schwerbehinderten-Ausweis. Warum hat man den denn dann beantragt? Nur wegen der gewissen Vorteile, die man ja selbst nicht nötig hat, denn man fühlt sich ja nicht behindert? Ich wiederum fühle mich behindert, bezeichne es als Behinderung und mein Antrag auf Schwerbehinderung wurde abgelehnt. Ich habe einen Grad der Behinderung von 30 zugesprochen bekommen, 50 sind erforderlich. Auch ein Antrag auf Gleichstellung wurde abgelehnt. Momentan läuft ein Widerspruch über einen Anwalt für Sozialrecht, mal gucken, ob ich darüber die Schwerbehinderung noch anerkannt bekomme. Ich vermute, das Problem ist, dass ich Vollzeit gearbeitet habe und zum Zeitpunkt der Diagnose noch keine massiven Probleme hatte. Mittlerweile bin ich seit Mai krankgeschrieben, bekomme Krankengeld. Diagnose auf dem Krankenschein ist Asperger-Autismus (ja, trotz neuer Klassifizierung die ab diesem Jahr gültig ist, wird in Deutschland immer noch am alten System oftmals festgehalten mit den Unterformen des Autismus) und generalisierte Angststörung. Ich arbeite über 20 Jahre und habe mich nie irgendwo wohlgefühlt. Fühle mich permanent unwohl unter Arbeitskollegen. Ich war immer in Alarmstellung und somit permanent gestresst, jetzt ist das Fass voll und ich kann nicht mehr und viele Ängste haben sich ausgebildet und behindern mich, weshalb ich aktuell sowohl in psychiatrischer, als auch in psychotherapeutischer Behandlung bin. Ich spiele auch mit dem Gedanken ganz aufzuhören zu arbeiten oder die Arbeitszeit drastisch zu reduzieren. Finanziell wäre das verkraftbar, weil ich zum Glück eine private Berufsunfähigkeitsversicherung habe und neben der staatlichen Rente, von der man nicht leben kann, noch die der Versicherung bekäme und mit beiden würde ich recht gut über die Runden kommen. Aber ich will erstmal die Therapie abwarten, schauen wie es mir dann geht, wie ich mich dann fühle und es dann beurteilen, wie und ob es weitergeht. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man sowas Gravierendes nicht entscheiden.

    Ich bin übrigens bei der TK versichert und die gehen nicht nett mit einem um. Dauernd Nachfragen, wie lange es noch mit der Krankschreibung dauert, ob ich nicht mal eine Wiedereingliederung in den Job machen will…Klar, die wollen kein Krankengeld mehr zahlen. Vor allem kamen die mit diesem Wiedereingliederungsvorschlag, noch bevor eine Therapie begonnen hat!!! Was denken die sich denn? Dass ich ganz von alleine magisch geheilt wurde? Die Kasse weiß doch selbst, wie lange man teils auf Therapieplätze warten muss, teils 6-12 Monate in Deutschland! Das ärgert mich so. Aber meine Ärzte meinten, ich soll keine Angst haben, wenn die Kasse mir droht und mich bedrängt, soll ich denen das sagen und die regeln das. Bislang wurde es zum Glück wieder ruhiger!

    Ich habe dir mal eine Textwand hinterlassen. Dachte mir, du machst dir so viel Mühe, bekommst kaum Kommentare, da hole ich das mal nach und schreibe dir einen Roman. 😂

    Liebe Grüße

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