Gastbeitrag: Die positiven Seiten meines Aspergers

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Gastbeitrag: Die positiven Seiten meines Aspergers

In diesem Gastbeitrag schreibt Thomas über die positiven Seiten seines Asperger Syndroms. Thomas ist 50 Jahre alt, betreibt mit seiner Lebensgefährtin eine Punkrock- und Metalkneipe und hat vor 1,5 Jahren seine Asperger Diagnose bekommen.

Michelangelo ist schuld!
Schuld zumindest daran, dass ich auf die Idee gekommen bin, dass bei mir das Asperger Syndrom (AS) vorliegen könne. Ich verzichte bewusst auf das Wort „leiden“, da ich nicht daran leide.

In einer Doku wurde eine Hypothese erwähnt, nach der auch bei Michelangelo AS vorgelegen haben könnte. Solches, an und für sich weitgehend unnütze Wissen, ist genau das, woraus Quizfragen gemacht werden. Also habe ich mir Quellen gesucht, die dieses bestätigten. Und ja, es soll an dem gewesen sein. Nicht nur Michelangelo, sondern auch Mozart, Einstein und van Gogh werden mit AS in Verbindung gebracht.

Die Diagnose
AS war mir zwar bekannt, jedoch hätte ich bis jetzt nichts dazu sagen können. Also fing ich an, mich in das Thema hinein zu lesen. Und je mehr ich las, fand ich mich in der Beschreibung des Symptoms wieder. Diverse Tests bestärkten dann meinen Verdacht, ich unterzog mich einer Diagnostik und hatte es schriftlich, Asperger-Syndrom.

Es war kein Schock, mittlerweile auch keine Überraschung mehr; ich hatte einfach nur nun eine Erklärung.

Neue Sicht auf Dinge
Ich habe über viele Dinge nie nachgedacht, die ich jetzt jedoch anders und bewusster sehe.
Mir wurde erzählt, dass ich mich wohl schon im Kindergarten abgesondert hätte und am einfachsten mit Büchern zufrieden gestellt werden konnte. Lesen konnte ich auch sehr zeitig, und es wundert mich immer wieder, Leuten zu begegnen, die Bücher, die ich bereits mit 6 oder 7 gelesen hatte, nicht einmal kennen.

Schule und Interessen
Die Schule wurde immer langweiliger, meist hatte ich meine Schulbücher noch im ersten Halbjahr komplett gelesen. Hausaufgaben empfand ich als unnötig, stattdessen las ich, was mir in die Finger fiel. Spielen mit anderen wollte ich nie richtig. Einerseits war zwar der Wunsch da, „dazu zu gehören“, andererseits waren die normalen Spiele für mich langweilig. Schnell hatte ich eine Außenseiterrolle und fand immer mehr Gefallen daran, diese Rolle zu kultivieren.

Ich fing an, mich für Geschichte und Mythologie/ Religion zu begeistern und tue es noch heute. Zudem entwickelte sich ein starkes Interesse an Süd-Ost Asien.

Abwägen der positiven und negativen Aspekte

Als ich meine Diagnose bekam, habe ich tatsächlich positive und negative Aspekte von AS gegeneinander abgewogen. Ich denke, dass ich dazu fähig war, verdanke ich dem AS. Ergebnis: Für mich überwiegen die positiven Seiten.

Dank AS bin ich in der Lage, Entscheidungen zu treffen, ohne dass mich Emotionen stören.

Mir wurde immer eine sehr gute Auffassungsgabe bescheinigt. Ich kann und konnte immer viele Informationen aufnehmen und diese auch behalten. So hat sich bei mir ein doch recht hohes Allgemeinwissen entwickelt. Auch fiel es mir immer recht leicht, Fremdsprachen zu erlernen. Ohne AS wäre mir vermutlich lernen nicht so leichtgefallen.

Einschränkungen
Ja, natürlich habe ich auch die typischen Einschränkungen der Aspies. Auch mir fällt es schwer, Gespräche zu eröffnen, bin ungeduldig und auch gelangweilt, wenn man mir belanglose oder langatmige Gespräche aufzwingt. Ich ziehe mich auch gern zurück, spiele oder lese geschichtliche Wikipediaartikel.

Mein Umfeld
Ich habe, auch sicherlich untypisch, ein großes, manchmal schon zu großes, soziales Umfeld, in dem ich auch aufgrund meines Wissens viel Anerkennung bekomme. Mit Abschluss meiner Diagnostik habe ich das Ergebnis öffentlich gemacht und nur positive, ermunternde Reaktionen erhalten.

Quiz
Ich bin aktiver Quizzer, nehme an Meisterschaften teil. Im Allgemeinen erreiche ich dabei Platzierungen mindestens im oberen Viertel, ohne mich jemals darauf vorzubereiten. Mit Quizzen habe ich auch schon Geld verdient, ich habe an TV Shows teilgenommen und gewonnen. Ohne die Kombi aus Wissen und Emotionslosigkeit hätte ich dieses nicht erreicht.

Weitere Stärken
Weiterhin war ich einmal an einem Ort, erkenne ich diesen auch nach 20 Jahren wieder und kann mich immer noch sehr einfach orientieren.

Für mehrere Leute aus meinem Umfeld habe ich in den letzten Jahren Bachelor- und Masterarbeiten Korrektur gelesen. Mir fiel es sehr leicht, mich auf den Text zu konzentrieren und Fehler zu finden. Auch diese Fähigkeit bringe ich mit AS in Zusammenhang.

Jeder hat Stärken
In den letzten zwei Jahren habe ich gelernt, dass jeder Betroffene unterschiedliche Erfahrungen gemacht hat und seine Situation anders wahrnimmt. So sind mir zum Beispiel Reizüberflutungen fremd, unter denen offenbar viele tatsächlich leiden.

Aber, jeder hat auch sicherlich seine Stärken. Man muss sie erkennen und nutzen.

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