Gastbeitrag: Wie mir Kampfkunst mit meinem Asperger hilft

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In diesem Beitrag schreibt Vanessa über Asperger und Kampfkunst und wie ihr dieser Sport hilft.

Mein Weg zur Kampfkunst
2013 habe ich mit Taekwondo angefangen. Zu dem Zeitpunkt war ich 26 Jahre alt. Ich wurde in der Arbeit ständig gemobbt und wollte dem weniger Angriffsfläche bieten. In der Taekwondo Schule hat es mir sofort gefallen. Es hat mein Selbstbewusstsein gestärkt und meine Körperhaltung verändert. Inklusion fand da immer schon statt.

Worum geht es bei Kampfkunst?
Bei Kampfkunst geht nicht um Wettkampf. Es ist kein Kampfsport wie bei Olympia. Ich betreibe das traditionelle Taekwondo. Das ist ohne Kontakt, aber jede Übung wird mit viel Kraft ausgeübt. Der Großmeister ist „known jae hwa“. Sein System ist komplett ohne Wettkampf und hat den Fokus auf Körper und Geist. Dazu gehört Gymnastik, Dehnen und Formellauf (hyong). Es gibt 2 und 3 Schritt Kampf so wie Freikampf und Messerkampf bei den Schwarzgurten.

Meine Herausforderungen beim Taekwondo
Als ich mit Taekwondo angefangen habe, hatte ich noch keine Diagnose. Ich wusste aber, dass meine Art zu denken und Bewegungen nachzumachen anders war. Rechts, link, vorne, hinten. Das war immer schon sehr schwer für mich. Vor Taekwondo konnte ich nicht einmal einen Hampelmann machen.
Andere lernen diese Hyong Kampfform durch zweimal anschauen. Ich brauche Ewigkeiten dafür, da ich diese analysiere. Ich muss die Bewegung verstehen: wozu dient dieser Block, wozu dient dieser Angriff. Dann muss die Reihenfolge passen. Ich setze also die Kampfform genannt Hyong wie Puzzle zusammen.

Mehr über Taekwondo
Die Hyong muss auch erst im Kopf komplett sein, bevor man diese läuft. Wenn der Ablauf drinnen ist, kommt das Fine-Tuning, wo ein Dan-Träger (Schwarzgurt) die Haltung verbessert und korrigiert.
Es gibt auch „2 Kick 2 Kick“, wo sich 2 gegenüberstehen und je 2 Kicks machen. Davor verbeugt man sich. Es sind keine Gegner, sondern Trainingspartner.
Der Bruch-Test dient der Technik Überprüfung. Wenn das echte Holzbrett kaputt geht, war die Technik richtig umgesetzt. Das wird allerdings meistens nur bei Prüfungen oder Vorführungen gemacht. Im Training nimmt man eine Pratze.

Prüfungen
Prüfungen bestehen aus aktueller Kampfform und Bruchtest. Je höher der Gürtel (kup) Schüler Grad, desto komplexer die Prüfung. Ich habe den 4kup Blaugurt. Andere machen jedes halbe Jahr eine Prüfung. Ich mache nur einmal im Jahr eine Prüfung oder lasse mal eine komplett ausfallen. Meinen grünen Gurt habe ich von 2016 bis August 2019 getragen. Ich brauche einfach mehr Zeit und Ruhe. Da wir keine oder selten Wettkämpfe machen, kann jeder in seinem Tempo lernen.

Vor der Diagnose
Wie schon erwähnt, hatte ich noch keine Diagnose, als ich mit dem Taekwondo angefangen habe. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich Autistin sein könnte. Die Diagnose habe ich erst seit November 2018.
Vor der Diagnose waren höher graduierte Schüler eher davon genervt, dass ich Übungen nicht so schnell verstanden habe. Oder man dachte, ich sei faul oder hätte keinen Bock.

Nach der Diagnose
Seit der Diagnose ist das nicht mehr so. Man weiß nun, wie man Dinge am besten vermittelt. Mein Trainer sagte immer schon zu mir, dass Taekwondo für mich Schwerstarbeit ist. Es ist eine Herausforderung, da man echt mit sich zu kämpfen hat und denkt: „Was mache ich hier?“ Das hält viele von solchen Budo Sportarten ab, da die motorischen Probleme mit Koordination nicht ohne sind und man unbeholfen wirkt zwischen denen, die diese Problematik nicht haben. Körperspannung und Gleichgewicht wird auch trainiert.

Ich mag keine Partner Übungen, wo ich andere anfassen soll oder sie mich. Es kostet mich Überwindung und kommt auf den Partner an.
Zu Beginn war Blaugurt ein Ziel. Ich mache weiter. Es ist mein Traum, es irgendwie mal zum Dan-Träger zu schaffen. Vorher träume ich allerdings erstmal vom roten Gürtel.

Wie mir der Sport hilft
Ich glaube ehrlich, dass ich dank des Sports keine Therapie brauche und deswegen kaum mit Depressionen zu tun habe – außer solchen Phasen, wo man depressiv ist. Der Sport und die Gemeinschaft dort bieten mir Halt und bauen mich immer wieder auf.

Ich würde jedem (egal ob Autist oder nicht) Taekwon-do oder eine andere Budo Kampfkunst empfehlen. Ein befreundeter Schulleiter einer anderen Taekwon-do Schule sagte zu mir: „Gerade wegen den Asperger Syndrom ist es genau richtig für dich.“ Mir sagte man auf einem Lehrgang, dass ich für andere ohne Autismus ein Vorbild sei und ich echt weit sei und eigenes Tempo eben so ist. Lieber langsam sich mit der Hyong befassen und die langsam laufen und dafür vernünftig. Viele laufen diese schnell. Ich denke aber nicht so schnell, also laufe ich langsam und denke noch nach, was als nächste Bewegung kommt. Taekwon-do ist auch ein Spezialinteresse von mir.

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