Menschen sollten aufhören andere zu verurteilen

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Vor ein paar Monaten hatte ich ein Gespräch an meiner Sprachschule um herauszufinden, ob ich auf Grund meiner Sprachkenntnisse in die nächsthöhere Klasse kommen könnte.Es war eines der ersten Male, das ich ehrlich über meine Herausforderungen an der Schule geredet habe.

Aber leider lief es nicht so, wie ich es gehofft hatte. Ehrlich gesagt habe ich mich in meinem Leben noch nie so kritisiert gefühlt wie bei diesem Gespräch.

Ich weiß natürlich nicht, welche Intentionen die Lehrerin, mit der ich geredet habe, hatte, aber ich erzähle euch einfach mal, wie ich es wahrgenommen habe.

Eine der Möglichkeiten, von denen mir die Lehrerin erzählt hat, war, dass ich zu einem Lernzentrum gehen könnte, wo man selbstständig an Aufgaben arbeiten kann und Lehrer fragen kann, wenn man Hilfe braucht.

Ich habe ihr gesagt, dass das nichts für mich ist. Natürlich habe ich ihr auch erklärt wieso.

Ich mag es nicht, wenn etwas nicht strukturiert ist und es keine genauen Pläne gibt. Ich brauche eine Klasse, in der es Routinen gibt.

Sie hat daraufhin nur geantwortet, dass ich ja selbst Pläne machen müsste.

Es hat sich für mich so angehört, als würde sie denken, dass ich zu dumm oder faul wäre meine eigene Arbeit zu strukturieren. Aber so ist es ja gar nicht. Ich bin wirklich gut darin selbstständig zu arbeiten.

Mein Problem ist nur alles drum herum. Ich wäre die ganze Zeit nervös, dass ich irgendwann nach neuen Aufgaben fragen müsste. Oder generell um Hilfe zu fragen würde ich nicht hinbekommen. Ich habe mich so gefühlt, als hätte mich die Lehrerin kein bisschen verstanden.

Wir haben dann noch über etwas Anderes geredet. Ich hatte einen Aufsatz schreiben müssen, damit meine Lehrerin einschätzen konnte, wie gut mein Dänisch ist.

Ich hatte ihn auch geschrieben, aber ich hatte etwas weggelassen. Der erste Teil war die Beschreibung einer Statistik. Das war kein Problem. Aber im zweiten Teil sollte ich mögliche Gründe für etwas finden. Und das konnte ich nicht. Ich wusste die Gründe nicht.

Und wenn ich etwas nicht weiß, kann ich nicht einfach spekulieren und das aufschreiben. Das habe ich der Lehrerin erklärt. Ich war wirklich ehrlich.

Aber sie hat extrem schlecht darauf reagiert. Sie meinte, dass ich an meiner Haltung arbeiten müsse und es nicht ok wäre, wenn ich sage, dass ich mir damit schwertue, Sachen, die ich nicht sicher weiß, aufzuschreiben.

Sie hat es auf eine Art und Weise gesagt, dass ich mich total falsch gefühlt habe. Ich habe mich kritisiert gefühlt und so, als ob ich nicht gut genug wäre.

Es kam mir so vor, als würde sie mich als dumm und faul ansehen. Es kam mir noch nie so vor, als ob jemand auf so eine fast herablassende Art und Weise mit mir geredet hat.

Vielleicht wirkt das, was sie gesagt hat, geschrieben gar nicht so schlimm, aber es war die Art und Weise wie sie es gesagt hat. Ich war so geschockt und traurig, dass ich auf der Stelle zum Weinen angefangen habe.

Ich hatte ja schon den Verdacht auf Asperger

Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keine Asperger Diagnose, aber ich hatte schon von dem Asperger-Syndrom gehört und hatte selbst den Verdacht, dass ich es habe.

Der einzige Grund, wieso ich so ehrlich über meine Herausforderungen geredet habe, war, dass ich angefangen habe meine Herausforderungen zu akzeptieren.

Ich wusste, dass ich nicht verrückt bin, sondern dass es vielleicht einfach Asperger ist.  Ich habe nicht mehr gedacht, dass ich komisch bin.

Aber dann war da auf einmal diese Lehrerin, die genau das sagt. Das ich nicht ok bin, so wie ich bin. Ich war so sauer. Ich konnte nicht verstehen, wie sie sich das Recht dazu nehmen kann, mich zu verurteilen ohne mich zu kennen.

Ich habe ihr dann erzählt, dass vermutet wird, dass ich Asperger habe. Ich habe ihr erklärt, dass es sein kann, dass mein Gehirn einfach anders funktioniert und es Dinge gibt, die mir schwerer fallen als anderen. Ich habe ihr das gesagt, damit sie merkt, dass sie mich nicht einfach verurteilen kann. Und das hat sie verstanden. Es hat ihr wirklich leidgetan, dass sie so reagiert hat und sie hat sich mehrere Male entschuldigt.

Vielleicht war es ihr ein bisschen peinlich. Man könnte sich jetzt vorstellen, dass ich letztendlich glücklich war. Immerhin hat sie sich entschuldigt.

Ich bin aber nicht glücklich. Ich bin sauer! Ich bin traurig! Ich bin enttäuscht!
Wieso braucht man eine Diagnose um mit seinen Herausforderungen akzeptiert zu werden? Wieso ist es nicht genug, wenn man erklärt, dass man Schwierigkeiten mit etwas hat? Wieso werde ich dafür verurteilt Herausforderungen zu haben? Darf man keine Herausforderungen haben ohne eine Diagnose zu haben? Ich habe mittlerweile eine Asperger Diagnose. Ich habe also eine offizielle Erklärung für meine Herausforderungen. Aber die sollte ich nicht brauchen. Leute sollten einfach aufhören andere zu verurteilen.

4 Kommentar/e
  • Sabine

    Antworten

    Menschen sind einfach manchmal nur dumm und reagieren unüberlegt. Das wirst du leider immer wieder erleben.

  • moblo

    Antworten

    Ähnliches von gestern: Ich bin Organistin, kann also – normalerweise – ganz allein spielen.
    Gestern kam nun ein Gospelchor mit auf die Empore, in unmittelbare Nähe. Mein Wunsch, sie mögen Abstand halten, wurde kaum respektiert. Ständig in Bewegung, am Quatschen, während ich ein Stück durchspielen wollte… . Übrigens: Meine Idee, Chorleiterin zu werden, war krachend gescheitert…

  • Joel

    Antworten

    ich brauche genaue anweisungen, denn wenn ich iwas aufschreiben soll & iwas spekulieren soll, geht das auch nicht. ich brauch was handfestes. das ist total typisch autismus. ich kenne es von mir selbst genauso. auch wenn mir fragen gestellt werden, dann müssen die präzise & logisch sein & nicht unstrukturiert & undetailliert. dann weiß ich keine antwort drauf weil ich die frage nich verstehe.

    • Nici

      Nici

      Hi Joel,
      Das kenne ich gut. Ich finde es auch am besten, wenn Dinge genau beschrieben werden, damit man zu 100% weiß, was man machen soll.

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