Asperger oder Persönlichkeitsstörung?

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Asperger oder Persönlichkeitsstörung?

Wie viele von euch sicherlich wissen, wohne ich seit einigen Jahren in Dänemark. Hier ist es so, dass man seine Krankenakte online einsehen kann. Um meine offiziellen Diagnosepapiere zu finden, habe ich vor ein paar Tagen meine Akte durchstöbert. Ich habe dabei wirklich viele Dinge gelesen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Ich habe tatsächlich schon öfters meine Krankenakte durchgelesen, weil ich neugierig war, was Ärzte und Psychologen da so geschrieben haben. Aber ich war jedes Mal genervt, weil sie Dinge geschrieben haben, die so gar nicht stimmen. Als ich diesmal meine Krankenakte durchgelesen habe, habe ich plötzlich gesehen, dass es wirklich viele Ärzte gab, die geschrieben haben, dass man mich für eine Persönlichkeitsstörung untersuchen sollte. Ich wusste, dass es einen Arzt gab, der diese Meinung hatte, aber ich war wirklich überrascht zu sehen, dass er nicht der einzige war.

Wurde schon getestet

Als ich ca. 17 Jahre alt war, gab es schon einmal eine Ärztin, die den Verdacht hatte, dass ich eine beginnende Persönlichkeitsstörung haben könnte. Zu der Zeit konnte man sich allerdings nicht sicher sein, weil ich noch nicht erwachsen war. Als ich dann vor vier Jahren eine Depression bekommen habe, war ich in Behandlung bei einem Arzt und einer Ergotherapeutin. Die beiden hatten auch den Verdacht, dass ich eine Persönlichkeitsstörung haben könnte. Deshalb bin ich zur Diagnostik zu einer Therapeutin gekommen, die auf Persönlichkeitsstörungen spezialisiert war. Das Ergebnis war eindeutig: Ich habe sicher keine Persönlichkeitsstörung.

Asperger statt Persönlichkeitsstörung

Ich bin nicht die erste Autistin, die vor ihrer Autismus Diagnose gesagt bekommt, dass sie eine Persönlichkeitsstörung haben könnte. Es passiert so oft, dass Autismus mit einer Persönlichkeitsstörung verwechselt wird. Und genau deshalb verstehe ich nicht, wieso keiner meiner Ärzte oder Therapeuten jemals darüber nachgedacht hat, dass ich Asperger haben könnte. Wenn sie schon eine Persönlichkeitsstörung gedacht haben, waren sie ja recht nah dran den Autismus zu erkennen. Aber es gab nie jemanden, der selbst die Idee hatte, dass ich Asperger haben könnte. Ich habe erst mehrere Jahre später selbst die Idee bekommen, dass ich Autistin sein könnte.

Wieder die gleichen Verdachte

Man könnte sich vorstellen, dass meine Ärzte nach meiner Asperger Diagnose verstanden hätten, dass ich tatsächlich keine Persönlichkeitsstörung habe. Aber Persönlichkeitsstörungen kamen immer wieder zur Sprache. Ich wurde in Dänemark von einer Therapeutin für Autismus getestet. Sie hat ihren Verdacht, dass ich Asperger haben könnte, mit einem Arzt besprochen und zusammen haben sie die Diagnose Asperger Syndrom gestellt. Ein paar Monate nach der Diagnose hatte ich einen Termin bei genau diesem Arzt. Er hat mich vorher nicht gekannt, aber nach einem einstündigen Gespräch hat er direkt mal in meine Krankenakte geschrieben, dass ich so „nervig“ war, dass er eher denkt, ich habe eine Persönlichkeitsstörung anstatt Asperger.

Ich war so sauer, als ich das gelesen habe. Ich war nicht begeistert davon, dass ich mit dem Arzt reden musste. Ich habe nämlich nur zufällig herausgefunden, dass ich überhaupt einen Termin mit ihm hatte und mir hat auch niemand verraten, weshalb ich den Termin hatte. Er hat in dem Gespräch auch so viele unkonkrete Fragen gestellt, dass ich keine für ihn zufriedenstellende Antworten geben konnte. Das heißt, es kann gut sein, dass ich so gewirkt habe, als ob ich nicht kooperieren wollte. Aber das lag zu 100% an meinem Autismus. Anstatt, dass er das verstanden hätte, interpretiert er da eine Persönlichkeitsstörung hinein.

Ich dachte, er wäre der einzige Arzt gewesen, der so wenig Wissen über Autismus hat. Aber jetzt habe ich ja meine Krankenhausakte durchgelesen und da habe ich herausgefunden, dass es noch eine Ärztin gab, die meinte, man solle schauen, ob ich nicht eine Persönlichkeitsstörung habe. Und das nachdem ich meine Asperger Diagnose schon hatte und vorher offiziell festgestellt wurde, dass ich keine Persönlichkeitsstörung habe. Eine Persönlichkeitsstörung entwickelt sich doch auch nicht plötzlich. Da sollte es doch wohl genug sein einmal getestet worden zu sein. Oder vertrauen sich die Ärzte und Therapeuten in der Psychiatrie nicht genug, dass ein Test genug wäre?

Ich habe keine Persönlichkeitsstörung

Wenn man all das hier liest und darüber nachdenkt, wie viele Ärzte und Therapeuten bei mir schon vermutet haben, dass ich eine Persönlichkeitsstörung haben könnte, könnte man tatsächlich denken, sie könnten recht haben. Ich bin natürlich weder Therapeutin noch Arzt, aber ich kann wirklich mit Sicherheit sagen, dass ich keine Persönlichkeitsstörung habe. Mein Autismus erklärt alle „außergewöhnlichen“ Seiten an mir und der Rest von mir ist komplett „normal“.

Nicht genug Wissen über Autismus

Ich habe keine Termine in der Psychiatrie mehr. Meine ganze Behandlung dort ist abgeschlossen. Das heißt, es könnte mir egal sein, was die Ärzte dort denken. Aber ich bin einfach sauer und enttäuscht. Ich finde es wirklich traurig zu sehen, wie wenig die Mitarbeiter in der Psychiatrie über Autismus wissen. Alle meine Ärzte und Therapeutin, die vermutet haben bzw. immer noch vermuten, dass ich eine Persönlichkeitsstörung haben könnte, wissen eindeutig nicht genug über Autismus. Sonst hätten sie ihn doch bei mir entdecken müssen. Manche von ihnen konnten selbst nach der Diagnose nicht verstehen, wie leicht viele meiner Verhaltensweisen mit Autismus erklärt werden können. Und das macht mich wirklich sauer, weil das bedeutet, dass sie bei anderen Autisten den Autismus auch nicht erkennen werden.

Ich habe meine Asperger Diagnose spät bekommen, weil es niemanden gab, der genug über Autismus wusste, um zumindest zu vermuten, dass ich Asperger haben könnte. Und so wird es anderen in der Zukunft auch gehen. Wenn Ärzte und Therapeuten nicht genug über Autismus wissen, können besonders Mädchen und Frauen nicht früher im Leben diagnostiziert werden.

Was kann man tun?

Ich versuche wirklich durch meinen Blog auf Autismus aufmerksam zu machen. Ich bin froh, dass ich zumindest ein bisschen dazu beitragen kann, dass andere Autismus besser verstehen können. Aber es kommt mir so vor, als müsste viel mehr gemacht werden um auf Autismus aufmerksam zu machen. Ich wünschte, ich könnte mehr dafür tun.

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