Autistischer nach der Diagnose?

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Ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht, ob ich nach meiner Asperger Diagnose wohl autistischer geworden bin. Ich glaube, dass es nach außen hin nämlich so wirken könnte. Um herauszufinden, ob es nur mir so geht, habe ich mit ein paar autistischen Frauen in einer Facebook Gruppe geschrieben. Tatsächlich haben viele von ihnen erlebt, dass ihre Familien oder Freunde ihnen gesagt haben, dass sie nach der Diagnose autistischer wirkten.

Bei mir gibt es viele Dinge, die mich zum Beispiel gegenüber meiner Familie autistischer wirken lassen. Das erste Auffällige an mir ist, dass es so aussieht, als ob ich in den letzten Monaten weniger Energie hätte. Ich verliere meine Energie schnell, wenn ich zum Beispiel in lauten Umgebungen bin oder viel Small Talk mit Fremden führen muss. Ich habe mehrere Theorien dazu, wieso es so wirkt oder eventuell sogar so ist, dass ich weniger Energie habe als früher. Einerseits habe ich generell weniger Energie, seit ich mit 19 Jahren nach Dänemark gezogen bin. Für viele stellt sich da sofort die Frage, wieso ich dann überhaupt noch in Dänemark bin. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es nicht an Dänemark liegt.

Der Unterschied ist, dass ich einfach noch ein Kind war, bevor ich umgezogen bin. Ich bin noch ins Gymnasium gegangen, hatte immer den exakt gleichen Tagesablauf und musste nie irgendwelche Herausforderungen alleine meistern. Ich glaube, ich bin sogar, bis ich 18 war, nie alleine zum Arzt gegangen. Zur Fahrschule bin ich zum Beispiel auch nie alleine gegangen, sondern ich habe mich mit meinen Freundinnen dort angemeldet und war immer mit ihnen in der Theorie.

Small Talk mit Fremden musste ich mich auch nie stellen, weil ich immer nur mit meinen Freunden zusammen war. Mein Leben war also wie eine kleine sichere Blase. Jetzt, wo ich in Dänemark wohne, stellen sich mir aber immer Herausforderungen. Ich bin in den letzten Jahren in unterschiedlichen neuen Gruppen und Schulen gewesen, was für mich immer eine Herausforderung ist. Ich habe keinen strukturierten Alltag. Ich muss alleine Arzttermine ausmachen und dort hingehen.

Jeden Monat kommen neue Dinge auf mich zu, die ich noch nie ausprobiert habe. Das erklärt also schon mal, wieso ich vermutlich generell weniger Energie habe, seit ich nach Dänemark gekommen bin. Andererseits glaube ich aber auch, dass ich mir seit meiner Diagnose erlaube wenig Energie zu haben. Vor meiner Diagnose hatte ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich wenig Energie hatte. Und ich habe es nicht einmal immer mitbekommen. Oft dachte ich einfach, ich wäre schlecht drauf. Heute merke ich, was mir Energie raubt und ich gebe mir Zeit mich wieder zu erholen. Da kann es schon so wirken, als ob ich autistischer geworden wäre.

Der zweite Punkt, der mich autistischer wirken lässt, ist, dass ich mich seit meiner Diagnose mehr zurückziehe und Dingen aus dem Weg gehe. Früher habe ich immer das gemacht, was von mir erwartet wurde. Heute höre ich auf mich. An Silvester war ich mit meiner Familie zum Beispiel bei einem Freund meiner Familie auf seinem Boot eingeladen. Ich wusste, dass wir viele Stunden unterwegs gewesen wären und das einfach zu viel für mich geworden wäre. Deswegen bin ich nicht mitgegangen. Da könnte meine Familie natürlich sagen: „Früher war so etwas doch auch kein Problem. Da wärst du auch mitgegangen“. Ich sehe es aber so, dass ich mich mittlerweile besser kenne, besser auf mich selbst aufpasse und das mache, was mir guttut.

Die dritte Sache, die dafür sorgt, dass man denken könnte, dass ich seit meiner Diagnose autistischer geworden bin, ist, dass ich viel Hilfe brauche. Fast hätte ich geschrieben, dass ich jetzt „mehr“ Hilfe brauche, aber ich finde es schwierig früher und heute zu vergleichen. Wenn man die Zeit in Deutschland und die Zeit in Dänemark vergleichen sollte, würde ich wieder sagen, dass ich in Deutschland ja nie etwas alleine machen musste und deswegen gar nicht um Hilfe bitten musste. Wenn man sich vor und nach der Diagnose anschaut, ist es aber tatsächlich so, dass ich mehr um Hilfe bitte. Ich glaube aber nicht, dass ich tatsächlich mehr Hilfe brauche. Ich hätte die Hilfe nämlich vorher auch schon gebraucht. Ich habe mich nur nicht getraut danach zu fragen. Seit der Diagnose denke ich mir einfach: „Hier ist eine schwierige Situation. Hilfe würde es mir einfacher machen. Also wieso frage ich nicht einfach danach?!“. Ich habe ja zwei Kontaktpersonen, damit sie mir helfen können und meine Freunde stört es auch nicht, mir zu helfen. Oft sind es ja nur kleine Dinge, wie zum Beispiel ein Päckchen verschicken. Das ist für meine Freunde eine ganz alltägliche Sache und da macht es ihnen nichts aus mir dabei zu helfen.

Zusammenfassend würde ich also sagen: Ich wirke eventuell autistischer, bin es aber nicht. Ich habe mich nur besser kennengelernt, höre auf mich und passe auf mich auf.

3 Kommentar/e
  • Lia

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    Ich denke, da gibt es noch so viel mehr Punkte, die man ergänzen könnte. Wer offener kommuniziert, wird auch deutlicher wahrgenommen und kann besser eingeordnet werden. Und wer sich selbst akzeptiert, kann seine Symptome auch bedingt freier ausleben (Bsp. Stimming in der Öffentlichkeit). Außerdem schult man das Bewusstsein für sich selbst noch einmal um ein Vielfaches.

    • Nici

      Nici

      Hallo Lia 🙂
      Das sind wirklich ein paar gute Punkte. Danke für deinen Kommentar 🙂
      Liebe Grüße
      Nici

  • Jens

    Antworten

    Den Übergang von der Schule ins Erwachsenenleben könnte ich nicht besser beschreiben. So ist es mir auch ergangen. Es ist der Wahnsinn, man wird in ein Haifischbecken geworfen, ohne dass man drauf vorbereitet ist. Allgemein glaube ich, die frühen 20er sind die schwersten Jahre im Leben für Autisten.

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