Meine ersten Studientage

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Es kommt mir so vor, als wäre es schon Ewigkeiten her, dass ich meinen letzten Blogbeitrag geschrieben habe. Ganz so lange her ist es in Wirklichkeit nicht, aber wenn ihr mir auf Facebook folgt, könnt ihr vermutlich ahnen, wieso ich in letzter Zeit wenig Zeit zum Schreiben hatte. Ich habe nämlich gerade ein neues Studium angefangen. 2015 hatte ich schon mal ein Studium angefangen, aber da hatte ich meine Asperger Diagnose noch nicht. Deswegen wusste ich nicht wirklich, worauf ich achten musste um mir Dinge zu erleichtern. Es lief also nicht so gut und ich habe mich nach ca. 1 Jahr entschieden das Studium abzubrechen. Von meinem neuen Studium erhoffe ich mir, dass alles strukturierter ist und ich besser zurechtkomme. Ich studiere etwas im IT Bereich, das heißt da gibt es zumindest klare Regeln für das Programmieren und so. Das gefällt mir schon mal sehr. 🙂

Nachdem ich mich für das Studium angemeldet habe, war ich wirklich nervös. Ich wollte nicht einmal darüber reden. Als ich zum Beispiel das Introprogramm bekommen habe, habe ich die ersten Tage nicht einmal meiner Familie davon erzählt. Ich hatte zum Glück noch vor Studienbeginn einen Termin mit der Studienberaterin und sie hat mir die meisten meiner Fragen beantworten können. Das hat mich ein bisschen beruhigt. Sie hat mir auch erzählt, dass es ein paar Hilfestellungen für mich geben könnte. Ich konnte zum Beispiel Unterstützungsstunden beantragen. Von denen erzähle ich euch mehr, sobald ich die ersten Stunden hatte. Mir wurde außerdem erlaubt alleine zu arbeiten anstatt in Gruppen, falls mir das zu viel wird.

Ich hatte eigentlich ziemlich Angst vor dem ersten Tag, aber ich habe die ganze Zeit versucht es zu verdrängen und das hat tatsächlich geholfen. Ich hatte aber trotzdem zum Beispiel noch ein bisschen Bedenken, dass ich mich nicht zurechtfinden würde. Ich wusste auch von dem Programm, das wir bekommen haben, dass wir in vielen verschiedenen Räumen sein sollten. Das fand ich nicht allzu gut. An neuen Orten fühle ich mich nämlich einfach nicht sicher. Es ist aber trotzdem alles wirklich gut gelaufen. Ich habe die Tutoren, die uns den Weg zeigen sollten, gleich gefunden. Meine Mitschüler sind wirklich nett. Und sogar die Icebreaker Spiele habe ich gut überstanden.

Die erste wirkliche Herausforderung war etwas typisches Dänisches: die Freitagsbar. Jeden Freitag nach dem Unterricht bleiben die Studenten noch ein bisschen und trinken zum Beispiel ein Bier zusammen. Ich trinke selbst keinen Alkohol, aber ich wollte zumindest am ersten Freitag dabei sein um nicht gleich ein Außenseiter zu sein. Aber mein Asperger und die Freitagsbar passen einfach nicht gut zusammen. Am Anfang saßen wir einfach nur alle um einen Tisch herum und haben uns unterhalten. Das fand ich schon anstrengend, weil die meisten in meiner Klasse nicht gerade gesprächig sind. Vielleicht sind sie das normalerweise schon, aber als wir alle dort saßen, hat so gut wie niemand geredet. Das stresst mich immer total, weil ich mir ständig Gedanken darüber mache, wie ich ein Gespräch anfangen kann. Schlimmer wurde es dann aber, als Musik angemacht wurde. Wir waren sowieso schon eine große Gruppe und es war schwer alle zu hören, aber die Musik hat mich vollkommen durcheinandergebracht. Dafür hatte ich einfach keine Energie. Deswegen bin ich schon nach einer viertel Stunde nach Hause gegangen.

Nach ein paar Tagen habe ich herausgefunden, dass wir auch noch einen autistischen Jungen in unserer Klasse haben. Ich habe vom ersten Tag an geahnt, dass er auch eine Autismus Spektrum Störung hat, aber ich konnte es natürlich nicht sicher wissen, bis er es mir erzählt hat. Es ist ziemlich cool, dass er in meiner Klasse ist. Er stellt nämlich so oft Fragen, die ich mir auch gedacht habe, ich mich aber nicht getraut habe zu fragen. Das macht es wirklich einfacher für mich.

Wir haben uns zusammen nach ein paar Tagen dazu entschieden unseren Mitschülern von unserer Diagnose zu erzählen. Ich habe mich einfach so gefühlt, als ob ich nicht ganz ich selbst sein konnte in den Tagen, in denen sie nichts von meiner Asperger Diagnose wussten. Ich hatte auch Angst, dass sie mich vielleicht falsch einschätzen könnten. Nach dem Freitagscafe habe ich mir zum Beispiel die ganze Zeit Gedanken gemacht, ob die anderen wohl denken könnten, dass ich nichts mit ihnen zu tun haben will, weil ich so schnell gegangen bin. Sie haben aber alle wirklich sehr lieb darauf reagiert, als wir von unserer Diagnose erzählt haben. Eigentlich sind meine Mitschüler generell wirklich verständnisvoll und hilfsbereit. Als ich zum Beispiel mal etwas nicht verstanden habe, ist in der Pause gleich einer zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob er es mir nochmal erklären soll. Das war wirklich lieb. Wo ich allerdings eventuell eine Herausforderung sehe, ist, dass wir einen Lehrer haben, der eine etwas andere Auffassung von Struktur hat als ich. Dinge, die für ihn Sinn machen, sind für mich oft ein Chaos. Wir sollten zum Beispiel eine Internetseite durchlesen. Seine Angabe war „ein bisschen lesen“. „Ein bisschen“ ist für mich aber keine richtige Aussage. Darunter kann ich mir nichts vorstellen.

Was für mich bei meinem Studium auch schwierig ist, aber gar nichts mit Asperger zu tun hat, ist, dass ich mich manchmal ein bisschen dumm fühle. Ich bin eine der wenigen, die gar keine Erfahrungen mit Programmieren hat und das merke ich auch oft, weil ich Dinge nicht immer so schnell verstehe wie die anderen. Es kann natürlich auch sein, dass manche von den anderen etwas auch nicht verstehen und es nur nicht sagen, aber das weiß ich ja nicht. Ich bin es nur nicht gewohnt die „schlechteste“ in der Klasse zu sein.

Ich finde mein Studium aber auf jeden Fall sehr spannend und jedes Mal, wenn ich wieder etwas verstehe oder eine kleine Zeile programmieren kann, bin ich überglücklich. Ich freue mich also schon auf die nächsten Wochen und Monate.

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