Gastbeitrag: Asperger/Autismus bei Mädchen und Frauen

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Hallo, mein Name ist Clarissa K, ich bin im Jahr 1997 in München geboren. Wie mir meine Mutter erzählte, besaß ich schon als Baby einen sehr ruhigen Charakter, litt allerdings oft an Schlafstörungen, welche sich im Kleinkindalter verstärkten, aber im Laufe der Jahre wieder besserten. Ich fing ziemlich früh im Alter von 18 Monaten an zu sprechen und zeigte ebenfalls Interesse an meiner Umwelt.

Die ersten Kindergarten Versuche
Als ich im Alter von drei Jahren in den Kindergarten kam, bemerkten Erzieher sehr schnell, dass ich dafür noch nicht reif genug sei. Sie teilten meiner Mutter mit, dass ich mich jedes Mal bei gemeinschaftlichen Spielen in der Turnhalle hinter Bänken verkroch, nicht sprach und mich ohnehin kaum an gemeinsamen Aktivitäten beteiligte. Als meine Mutter mich in der Früh dort abgab, stand ich nur mit offenem Mund, verzehrter Mimik und meinen Händen an der Scheibe gedrückt am Fenster, ohne einen Laut von mir zu geben bzw. zu weinen, wie es andere Kinder oft taten. Somit beschloss meine Mutter mit dem Kindergarten noch etwas zu warten und meldete mich wieder ab.

Ein weiterer Versuch
Ein Jahr später im Alter von 4 Jahren versuchte sie es erneut in einem anderen Kindergarten. Dort war ich ebenfalls sehr still und antwortete anfangs anstelle von einem „Ja“ oder „Nein“ nur mit einem Kopfnicken/schütteln. Die Erzieher teilten dies meiner Mutter mit, waren aber der Meinung, dies würde sich mit der Zeit schon geben. Pustekuchen. Es änderte sich in all den zwei Jahren nichts an der Sache. Ich spielte nicht oder nur äußerst ungern mit anderen Kindern und beschäftigte mich lieber alleine. Dies war privat zum Beispiel auf Spielplätzen nicht anders. Sobald sich ein oder gar mehrere Kinder zu mir dazugesellten stand ich auf, weinte und rannte zu meiner Mutter, mit der Aufforderung nach Hause gehen zu wollen. Zudem reagierte ich immer sehr stark auf Gerüche, wie z. B. nach dem Lüften und jammerte, dass die Luft doch so stinke.

Wenn ich aufgeregt war flatterte ich wie wild mit den Armen, oder drehte mich im Kreis, was schließlich unter stereotypen Bewegungen fällt und meistens bei Autisten auftritt. Oft verdrehte ich auch meine Finger direkt vor meinen Augen und wirkte wie hypnotisiert. Zudem kam ich mit spontanen Planänderungen nicht besonders gut klar, wenn es zum Beispiel hieß „heute gehen wir schwimmen!“, wurde mir übel und bekam einen Brechreiz, obwohl ich mich ja darauf freute, jedoch nicht damit rechnete.

Von einem Kindergartenausflug hatte ich eine Fahne, mit der ich oft vor meinen Augen wedelte, oder sie verdrehte bis meine Hände wund wurden. Diese benötigte ich immer beim Fernsehen und/oder wenn ich aufgeregt war. Die Fahne hatte ich bis zu meinem 12. Lebensjahr. Irgendwann hatte sie den Geist nach mehrfachem Kleben komplett aufgegeben. Grins.

Der erste Verdacht auf Autismus
Meine Mutter kam sehr schnell auf den Verdacht Autismus und wandte sich an das Heiglhof Kinderzentrum in München. Dort „winkte“ man ab und nahm sie damit nicht ernst, da ich doch Augenkontakt halten konnte und im Spiel, sowie im Gespräch kooperierte. Mit anderen Worten. Ich verhielt mich nicht „autistisch genug“, wäre „nur“ schüchtern und außerdem sind Mädchen davon ohnehin nicht betroffen. In meinem engsten Verwandtenkreis war ich aufgeweckt und „ganz normal“, wie man sich ein typisches Kind in dem Alter vorstellt.

Meine Mutter begann bereits früh mich zu fördern und beschäftigte sich sehr viel mit mir. Wir spielten oft „Mensch Ärgere Dich Nicht“, Memory und UNO. Sie bemerkte schnell meine Stärke in Sachen Sprache und Merkfähigkeit und kaufte mir im Alter von fünf Jahren ein Memory mit englischen und deren auf deutsch übersetzten Begriffen, worin ich sehr gut war und schnell Freude daran gewann.

Die Einschulung
2004 im Alter von sieben Jahren wurde ich auf eine katholische, private Mädchenschule eingeschult. Dort hat es mir schnell gefallen. War aber dennoch weiterhin extrem schüchtern und wieder wurde meine Mutter von Lehrkräften darauf angesprochen, warum ich denn kaum sprach und immer alleine im Pausenhof auf der Bank saß. Natürlich fand sie keine wirkliche Antwort darauf und sagte, dass ich eben so sei. In der 2. Klasse fand ich dann eine feste Freundin mit der ich ab und zu auch privat was unternahm und sprach. Diese Freundschaft hielt allerdings nur ca. ein Jahr, da sich die Interessen änderten.

Der erste Schulwechsel
2008 kam ich auf eine ebenfalls private Montessorischule. Dort gab es Klassen mit behinderten und nicht behinderten Kindern. Da ich geistig nicht eingeschränkt und eine normale Intelligenz aufwies, kam ich selbstverständlich in eine „normale“ Klasse. Dort fiel allerdings wieder einmal meine „starke Schüchternheit“ auf und erneut wurde meine Mutter darauf angesprochen. Unzählige Therapien und Förderungen folgten, von denen ich überhaupt nicht profitieren konnte und mir auch keinerlei Spaß machten.

Ein weiterer Schulwechsel
Da ich mich auf der Montessorischule sowieso nicht wohlfühlte und mir die klare Struktur dort fehlte, wechselte ich nach zwei Jahren auf eine ganz normale Mittelschule, wo es „wild“ und chaotisch zuging, da sehr hoher Migrantenanteil. Anfangs hatte ich enorme Probleme und leider auch mit Mobbing zu kämpfen, was sich Gott sei Dank nach einer gewissen Zeit wieder legte. Ziemlich schnell fand ich sogar eine Freundin namens Merve, die auch ziemlich ruhig war und nicht so gut deutsch konnte. Mit dieser habe ich übrigens heute noch Kontakt. Im Juli 2013 absolvierte ich meinen Qualifizierten Mittelschulabschluss.

Die Zeit nach dem Abschluss
Nun war das Thema Jobsuche natürlich unumgänglich. Da dies nicht so klappen wollte, meldete mich meine Mutter auf einer Mädchen Wirtschaftsschule an. Dort war es absolut grauenvoll für mich, da anstelle von Sprachen Mathe bzw. Rechnungswesen Schwerpunkt war, worin ich ausgesprochen schlecht bin. Zudem wurde ich von den anderen Mädchen aufgrund meiner ruhigen und noch etwas kindlicheren Art oft veräppelt und gemobbt. Nach drei Monaten hielt ich es nicht mehr aus und brach die weiterführende Schule ab.

Daraufhin wurde ich vom Arbeitsamt in eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme geschickt, in der ich mich auf Stellen bewarb und unzählige Praktika absolvierte. Leider ohne Erfolg. Auch in den vielen Praktika die folgten, traf ich bis auf sehr wenige Ausnahmen nur auf Unverständnis. Mir wurde oft unterstellt, weil ich Probleme hatte die anfallende Arbeit zu sehen und/oder auf Kollegen zuzugehen, dass ich faul wäre und eigentlich überhaupt nicht mehr kommen bräuchte.

Therapie
Im Alter von 18 Jahren fing ich aufgrund der immer wiederkehrenden Niederschläge und Misserfolge an unter starken Ängsten und Depressionen zu leiden und nahm Kontakt zu einer Therapeutin auf. Zum ersten Mal fühlt ich mich in guten Händen aufgehoben. Diese Therapeutin war Gott sei Dank sehr menschlich und professionell, wo ich auch keine „Spielchen“ mehr spielen musste oder für „geistig zurückgeblieben“ gehalten wurde. Mit ihr pflege ich heute noch sehr guten Kontakt.

Recherchen zum Thema Autismus
Als ich dennoch aufgrund meiner immer gleich bleibenden Probleme überall darauf angesprochen wurde und ich selbst oft auf meine Kindheit zurückblickte, fing ich selbst aus eigener Hand an zu dem Thema Asperger/Autismus zu recherchieren.

Ich erschrak als ich mich in fast allen Punkten insbesondere zum Thema Asperger bei Frauen wieder erkannte und kaufte mir daraufhin ein Buch namens „Aspergirls“ geschrieben von einer Asperger Autistin. Dort fand ich mich auch in fast allen Beschreibungen wieder. Ich dachte lange nach und überlegte zusammen mit meiner Mutter, ob es denn nicht angebracht werde evtl. Kontakt zu einer Ambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen aufzunehmen, welche ich ebenfalls bereits gegoogelt habe.

In der Ambulanz für Autismus-Spektrum-Störungen
Nach mehren Wochen fasste ich mir ein Herz und rief dort an, um einen Termin zu vereinbaren. Dies war im Februar 2019. Drei Monate später hatte ich mein Erstgespräch. Zum ersten Mal saß ich Menschen gegenüber die mich bezüglich dessen wirklich ernst nahmen und mir aufmerksam zuhörten. Gleich zu Beginn verdächtigten sie aufgrund meiner Beschreibungen und Erzählungen, dass eine Autismus-Spektrum- Störung nicht auszuschließen sei und doch schon sehr viele Merkmale auf mich zutrafen.

Am selbigen Tag folgte ein entsprechendes Telefonat des Arztes mit meiner Mutter. In diesem erfragte er noch einmal alles aus meiner Kindheit und Jugend. Wieder verhärtete sich der Verdacht enorm. Ein paar Monate später folgte ein weiterer Termin in der Klinik, wo ich ca. drei stündige Intelligenz- sowie aber auch Autismus bezogene Tests absolvieren musste. Im August hatte ich dann meinen letzten Termin bei einer Ärztin, ebenso speziell ausgebildet für Autismus-Spektrum- Störungen. Dort wurden die Endergebnisse besprochen und sie teilte mir mit, dass bei mir absolut und da wären sie sich alle sicher, eine Autismus-Spektrum-Störung unter dem Diagnoseschlüssel F.84.5 (Asperger Syndrom vorliegt). Sie gestand mir, sich sehr über die damaligen Aussagen früherer Kinderpsychologen geärgert zu haben, dass diese meiner Mutter nicht zugehört und genauer hingeschaut hätten.

So bekam ich im Alter von 21 fast 22 Jahren endlich eine Antwort auf die vielen Fragen und Verwirrungen, der ganzen vergangenen Jahre. Leider bin ich nicht die einzige, bei der Autismus vor allem das Asperger-Syndrom so spät diagnostiziert wird. Einige Frauen sind sogar oft noch älter, oder bekommen ihre Diagnose nie. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen jede Möglichkeit zu nutzen, um mehr auf dieses Thema aufmerksam zu machen, damit anderen Familien und Betroffenen der lange, mühsame Leidensweg erspart bleibt. Ich hoffe ich konnte mit meiner Geschichte bereits einen kleinen Beitrag dazu leisten, um mehr Licht ins Dunkel zu bringen.
Viele, liebe Grüße, Eure Clarissa

1 Kommentar/e
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    Thomas

    Antworten

    Mutiger Kommentar über deinen Werdegang, wenn man es denn so nennen mag 🙂
    Wer sich angesprochen fühlt : Habe vor kurzem eine kostenlose Dating / Partnersuche Webseite ins Leben gerufen, die sich an Autisten bzw. Menschen mit Asperger Syndrom oder Menschen mit Toleranz widmet.
    http://www.acedate.de
    Fühlt euch willkommen 🙂

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