Gastbeitrag: Ad(h)s und Autismus

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Ad(h)s und Autismus

Ad(h)s und Autismus – wie passt das zusammen?

Laut aktuellem ICD-10 schließt das eine das andere aus. Auch wenn sich die deutschen Mediziner dahingehend irren, dass die beiden Störungen eigentlich nicht komorbid auftreten können, denn das tun sie, haben sie in einer Hinsicht Recht. So richtig zusammen passt das Ganze nicht, herzlich Willkommen in meinem Kopf. Da passt das Ganze auch nicht so richtig zusammen. Zumindest nicht immer. Meine Spezial-Effekte, wie ich sie lieber nenne, sind nicht harmonisch, sie handeln konträr zueinander und beinträchtigen sich gegenseitig eher negativ. Ich bin kein Freund davon, jede Abweichung der Norm gleich als Störungsbild zu klassifizieren, aber hier in meinem ganz eigenen Realitätstunnel ist es teilweise sehr störend. Meine vollständige Diagnose ist ADS/ ADHS (Mischtyp), mit stark ausgeprägter Hochsensibilität und autistischen Zügen in der Wahrnehmung und ich habe sie erst mit 30 erhalten.

Wie es mir bis dahin ging?

Fragt lieber nicht. Dass ich inzwischen so halbwegs die Kurve bekommen habe, verdanke ich meinem Umfeld, was größtenteils empathisch und/oder wohlwollend ist, meinem Freund und unserer kleinen Tochter. Unsere Tochter ist atypische-frühkindliche Autistin mit Verdacht auf Adhs und ohne sie hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft mein Leben zu entchaotisieren. Sie ist die Mühe wert, für mich alleine hätte ich den Stress nicht auf mich genommen. Leider ist meine teilweise fehlende Struktur für sie fatal. Ich gebe mein Bestes und es wird kleinschrittig besser aber es ist fürchterlich frustrierend.

Wie sich die Mischung aus ADS/ADHS/ASS/HSP für mich anfühlt?

Es ist ein stetiger Zwiespalt. Das Adhs sucht den Kick, es braucht immer neue Impulse und will bespaßt werden und das am liebsten rund um die Uhr, jeden Tag, die ganze Woche lang, 365 Tage im Jahr… Kaum ein Zustand ist für mich so schwer zu ertragen, wie Langeweile. Die HSP und die Asperger Einschläge wollen nur ihre Ruhe, sie sind müde von den vielen Reizen: dem Licht, was fast immer zu grell ist, von dem kaum enden wollenden Lärm, den die Großstadt mit sich bringt und der sich irgendwann so überlagert, dass es schwer ist, die einzelnen Quellen herauszufiltern. Dazu kommen die nie enden wollenden Emotionen von Anderen. Das Elend auf dieser Welt zerreißt mir die Seele (RW) und jedes Leid, das ich bewusst wahrnehme, spüre ich so intensiv, als würde es mir selbst wiederfahren.

Meine hohen Ideale, der ausgeprägte Gerechtigkeitssinn und der Anspruch an mich selbst, macht mir mindestens genauso zu schaffen, wie es die Menschen um mich herum tun. Ich verstehe nicht, warum man Andere selten so annimmt und respektiert, wie sie sind und sich auf die Stärken und nicht die Schwächen konzentriert. Wir Menschen sind nun einmal verschieden, das macht das Leben in meinen Augen erst interessant. Die fehlende Sensibilität, der ganze Neid und die Missgunst, die viele Menschen nach außen tragen, stehen meinem Bedürfnis nach Harmonie und gegenseitiger Akzeptanz im Weg (RW). Es gibt Tage, an denen es schwer ist daran nicht zu verzweifeln, meine Gefühle sind immer verstärkt, positiv, wie negativ. Es zählt kein Gestern, kein Morgen, ich lebe immer im Augenblick.

An schlimmen Tagen merke ich, dass, wenn ich über Brücken laufe, mich die Tiefe fasziniert und anzieht. Es ist keine Todessehnsucht. Die fühlt sich anders an. Es ist die Sehnsucht nach Ruhe. Ruhe, die ich zwar brauche, aber kaum ertrage… Glücklicherweise reichen schon Kleinigkeiten, um mich aus solchen Tiefs rauszuholen: ein wahres Lachen, eine helfende Hand, ein offenes Ohr oder eine kleine Aufmerksamkeit von lieben Menschen. Das genügt schon, um mich darauf zu besinnen, dass ich nicht alleine bin und es Menschen gibt, die mich verstehen und meine Art wertschätzen…

Entschleunigung meines Lebens

Inzwischen schaffe ich es, mein Leben etwas zu entschleunigen, ruhig ist es nicht, das wird es wahrscheinlich nie, aber es ist nicht mehr das totale Chaos. Ich bin mittlerweile gerne mal für mich alleine, weil ich mich nicht einsam fühle. Und dann gibt es die wirklich guten Tage. An denen sprühe ich vor Leben, Energie und Enthusiasmus. Dann bin ich voller Tatendrang und kaum zu bremsen. Das kann sich leider massiv steigern, nicht immer aber manchmal: meistens passiert das im Zustand, den man als Hyperfokus bezeichnet.

Hyperfokus und Folgen davon

Ich habe neulich gelesen, dass es quasi ein Not-Programm des Gehirns sei. In Phasen völliger innerer Zerrissenheit, in dem die Unruhe und das Chaos quasi überhandnehmen, braucht das Gehirn irgendetwas, auf das es die gesamte Aufmerksamkeit und alle noch vorhandenen Energiereserven lenken kann. Leider werden dann auch Reize, wie Hunger, Durst, Müdigkeit etc. unzureichend weitergeleitend. Dieser Zustand kann zwanghafte Züge annehmen und ist kaum steuerbar. Meistens ist das Ende ein Nervenzusammenbruch und/oder eine Erschöpfungsdepression. In diesem Fall wirkt die Depression eher heilsam, weil der Körper sich endlich die Ruhe einfordert, die er benötigt…

Ich fand diese Ansicht ziemlich deckungsgleich mit meinen schlimmsten Phasen. Wenn einem das allerdings bewusst ist, kann man auf Frühwarnzeichen achten und rechtzeitig reagieren. Im selben Buch stand folgender kluger Satz: „Adhs ist dynamisch, es muss dynamisch sein, sonst wäre es kein Adhs.“ Man muss lediglich lernen, die Welle zu reiten (RW) und nicht zu versinken (RW). Es ist machbar sich viele Strategien anzueignen, um die negativen Aspekte halbwegs zu kompensieren. Für den Rest reicht meistens ein wohlwollendes Umfeld und eventuell Medikamente, es ist nun mal ein chemisches Ungleichgewicht. Ich nehme momentan welche und hoffe genug Strukturen aufzubauen und zu verinnerlichen, um sie dann wieder abzusetzen.

Das Positive an meinen Diagnosen

Wenn ich mir die Menschen so ansehe, die als Neurotypisch (sprich normal) gelten, bin ich froh, dass ich nicht so bin. Ich mag es, quer zu denken. Es macht kreativ und zeigt Lösungswege, die Anderen verborgen bleiben. Ich mag meine Begeisterungsfähigkeit und dass ich Andere motivieren kann. Ich mag meistens auch die Sensibilität. Es hilft mir, die Menschen um mich herum wirklich zu spüren und einzuschätzen. Man ist in der Lage eine intensive Bindung aufzubauen und man kann sich noch über Kleinigkeiten freuen. Es ist sicherlich nicht immer leicht mit mir, aber wie auch bei vielen anderen Menschen, die auf den ersten Blick aus dem Raster fallen, habe ich ein gutes Herz und versuche den Menschen um mich herum zu helfen, wo ich es kann. Eigentlich täte es der Welt ganz gut, wenn es mehr von uns gäbe.

2 Kommentar/e
  • Oliver Fleischmann

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    es besteht die Möglichkeit dass Du einfach nur die falsche Diagnose erhalten hast. In bestimmten Phasen werden wir Autisten oft für AD(H)S-Patienten gehalten. Nicht mehr ganz so häufig für bipolar. Die Expertise einer Fachkraft, die den IDC kennen sollte, und trotzdem einen Befund AD(H)S mit HSP und autistischen Zügen erstellt bestärkt die Zweifel. Es geht sogar NTs so, nur geben Sie es selten zu.

  • Tia

    Antworten

    Hi, danke für die Anregung aber die Diagnose stimmt schon! Ich bin bei einem Spezialisten für Adhs und Autismus im Erwachsenenalter und habe inzwischen auch viele Bücher zu dem Thema gelesen, mein Adhs steht im Vordergrund, sogar so sehr, dass die autistischen Züge nur auf den 2. Blick auffallen. Amerikanische Statistiken zeigen auch ein vermehrtes Auftreten der Kombination!

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