Gastbeitrag: Ist Autismus eine Behinderung?

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Dieser Gastbeitrag wurde von Janine am Welt-Autismus-Tag, dem 2. April, geschrieben. Der Text ist also schon etwas älter, aber ich finde ihn so toll, dass ich ihn auf jeden Fall mit euch teilen wollte.

Welt-Autismus-Tag
Ich habe von Aktionen gelesen, die heute dazu aufrufen, dass Autisten ihre Stärken präsentieren, aber ich denke: „Wie soll das dazu beitragen, dass eine Gesellschaft entsteht, in welcher Autisten sich wohl fühlen, weil zumindest etwas Rücksicht genommen wird?“ Die Menschen sehen dann nur die Stärken. Ich werde so oder so schon als arrogant beschrieben (wie viele andere Autisten). Jetzt stellen wir uns hin und erzählen auch noch wie super wir sind….. NEIN! Jeder Mensch hat Schwächen und Stärken, da sind wir alle gleich. Der Unterschied liegt hier lediglich in der Art und Ausprägung, egal ob Autist oder Neurotypisch.

Autismus als Superkraft?
Ich möchte heute lieber von zwei Erlebnissen berichten. Mir hat jemand erzählt, dass er gelesen habe, dass Autismus eine Behinderung sei und nicht weiß wieso. Das kann ich verstehen, schließlich gibt es genug Menschen, die im Zusammenhang mit Autismus von einer Superkraft sprechen. Die Medien leisten dazu ihr übriges mit einseitig erzählten Geschichten aus dem Extrembereich mit Filmen wie „Rain Man“ u.ä.

Oder eher Autismus als Behinderung?
Ich kann für mich sagen: Autismus ist definitiv eine Behinderung. Es behindert mich mein Leben zu genießen, wenn jedes Geräusch zu laut ist. Mein Mann kauft Haushaltsgeräte mittlerweile nach dem Kriterium, wie laut sie sind. Zu Weihnachten habe ich Kopfhörer mit „Noise Cancelling“ geschenkt bekommen. (DANKE!!! Sie sind super.) Nur mit diesen war es mir möglich zum Bowling zu gehen mit der Familie und dem Judo Verein. Einkaufen ist schmerzhaft, es ist laut und hell, es überreizt mich, ich werde wütend und kann mich nicht mehr konzentrieren.

Lichtempfindlichkeit
Ich kann kaum spazieren gehen, wenn die Sonne scheint, es ist zu hell und es schmerzt im Kopf und den Augen so sehr, dass ich nur noch schnell wieder nach Hause möchte. Eine Sonnenbrille mit Sehstärke ist teuer und gilt als Luxus. Da streikt die Krankenkasse. Deswegen behindert uns der Autismus finanziell, weil Anschaffungen notwendig sind (um als Familie etwas zu unternehmen), die bei anderen Menschen nicht notwendig sind.

Kommunikation
Und es behindert mich, dass ich mit Ironie und Sarkasmus nichts anfangen kann. Ich erkenne Sprachmelodien nicht. Kommunikation ist dadurch ungezwungen nur mit Menschen möglich, die wissen, wie sie sprechen müssen, damit ich mich entspannt mit ihnen unterhalten kann.
Ich bin seit knapp 12 Jahren verheiratet und kann weder Stimme noch Gesichtsausdruck bei meinem Mann deuten. Immer wieder muss ich fragen, wie etwas gemeint ist. Das frustriert mich. Wie könnte ich sagen, dass mich so etwas nicht behindert?

Wie könnte ich sagen, es behindert mich nicht, wenn ich etwas, das für andere so leicht und selbstverständlich scheint, nicht lernen kann, egal wie oft und lange und egal mit wieviel Anstrengung ich versuche es zu lernen?

Autisten – Menschen ohne Gefühle?
Zweites Erlebnis: Ich sagte, ich sei Asperger Autist. Ob mein Gegenüber damit etwas anfangen könnte? Antwort: Das sind doch die, die keine Gefühle haben.

Alleine so etwas zu behaupten zeugt bei sachlicher Betrachtung von Gefühlskälte. Ich würde niemals einem anderen Menschen unterstellen, er habe keine Gefühle. Selbstverständlich habe ich Gefühle. Sehr viel mehr und intensiver als ich zu beschreiben in der Lage bin.

In meinem Leben gibt es keine belanglosen Dinge. Wenn ich mich freue, dann wie ein kleines Kind, überschwänglich, ungebremst. Ich gehe durch den Wald und rieche den süßen Duft der Blüten, während ich in dem einen Moment stehen bleibe und vollkommen versinke. Vor Genuss muss ich im nächsten Augenblick losrennen, um meiner Freude Ausdruck zu verleihen. Am liebsten würde ich schreien. Aber ich habe Angst, was andere dann von mir und meiner Familie denken. So sein wie ich bin, das traue ich mich nur zu Hause. Und auch dort nicht immer.

Geschrieben von Janine Kaden

2 Kommentar/e
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    Andreas

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    „wie ein kleines Kind, überschwänglich, ungebremst“

    Das kann ich soooo gut nachvollziehen.
    Ja, so empfinde ich mich auch oft.
    Und das Verrückte ist … ich finde es nicht einmal schlimm, auch im fortgeschrittenen Alter noch so „kindlich“ zu sein … ganz im Gegenteil … ich merke immer mehr, dass das genau richtig ist, weil ICH so bin.

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    Ira Thon

    Antworten

    Eine sehr gute, ehrliche Schilderung!

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