Als Autistin ein Praktikum absolvieren

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Viele von euch haben sicherlich schon auf Facebook gesehen, dass ich vor kurzem mein fast sechsmonatiges Praktikum abgeschlossen habe. Heute wollte ich euch ein bisschen davon erzählen, wie das Praktikum verlaufen ist und wie es vor allem für mich als Autistin war, das erste Mal ein richtiges Praktikum zu absolvieren.

Mein Praktikum
Wenn ihr mich und meinen Blog schon ein bisschen kennt, wisst ihr sicherlich, wieso ich überhaupt ein Praktikum gemacht habe. Aber hier nochmal die Zusammenfassung für alle. Ich mache gerade ein Studium und bin in meinem fünften und letzten Semester. Als Teil dieses Semesters muss man normalerweise für drei Monate ein Praktikum machen. Weil ich allerdings nicht Vollzeit arbeiten kann, habe ich beantragt Teilzeit arbeiten zu dürfen und das Praktikum dafür auf die doppelte Zeit zu verlängern. Deshalb war ich jetzt für fast sechs Monate im Praktikum.

Das Bewerbungsgespräch
Ich glaube, ich habe auf Facebook mal kurz davon erzählt, wie das Bewerbungsgespräch verlaufen ist, aber das ist lange her. Als ich angefangen habe Bewerbungen zu schreiben, habe ich mich meiner Angststörung komplett ausgeliefert gefühlt. Ich hatte solch eine Panik davor Firmen anzurufen und zu einem Bewerbungsgespräch zu gehen. Zum Glück musste ich nur zu einem einzigen Bewerbungsgespräch, weil die Firma mich direkt genommen hat, aber vor dem Gespräch war ich so nervös. Wegen meiner Angststörung war mir ständig schlecht und ich hatte total Angst, dass ich mich bei dem Gespräch übergeben müsste. Das ist natürlich nicht passiert.

Aber ich habe anstatt dessen so stark gezittert, dass mir fast das Wasser aus meinem Glas gekippt wäre. Auf jeden Fall ist das Bewerbungsgespräch trotzdem total super verlaufen. Ich musste nicht einmal viel sagen. Mein Chef hat einfach nur von der Firma erzählt und dann meinte er, dass er meine Bewerbung und mich super fände und mich gerne als Praktikantin hätte. Da habe ich natürlich sofort zugesagt.

Die ersten Tage
Ich habe mein Praktikum Anfang Januar angefangen und ich habe es wirklich gut geschafft über Weihnachten und Neujahr nicht zu viel über mein Praktikum nachzudenken. Aber irgendwann kam die Nervosität natürlich trotzdem. Ich hatte aber sehr, sehr viel Glück. Einer aus meinem Studium hat nämlich auch einen Praktikumsplatz in der gleichen Firma bekommen. Das heißt, ich hatte eine Art Sicherheitsnetz. Wenn ich an einem neuen Ort bin und jemanden dabeihabe, den ich schon kenne, nimmt mir das nämlich wirklich viel Angst. Ich werde dann leider immer etwas anhänglich, aber ich glaube, der aus meiner Klasse hat das zum Glück gar nicht bemerkt.

Neue Routinen, neue Menschen
Was ich am Anfang wirklich am schwierigsten fand, war, dass ich ständig neue Kollegen kennengelernt habe und diese fast alle an unterschiedlichen Tagen gearbeitet haben. Ich fand das wirklich stressig und anstrengend. Ich musste immer ganz genau zuhören und extra nachfragen, um herauszufinden, welche Kollegen an welchem Tag im Büro waren.

Viele denken sich sicherlich, dass mir das egal sein könnte, aber da kommt mein Asperger mit ins Spiel. Ich will am liebsten immer alles genau wissen und vorbereitet sein. Dazu gehört auch zu wissen, wer wann im Büro ist. Mit der Zeit habe ich herausgefunden, wer wann arbeitet, aber ich fand es bis zum Schluss schwierig, dass niemand wirklich feste Arbeitszeiten hatte. Einer der wenigen, der allerdings fast jeden Tag da war, war zum Glück der aus meinem Studium. Das hat mir immer geholfen.

Meine Arbeit
Was wirklich die ganze Zeit die größte Herausforderung in meinem Praktikum war, waren meine Arbeitsaufgaben. Das macht natürlich Sinn, weil man ja ein Praktikum macht, um neue Dinge zu lernen und das kann anstrengend sein. Aber ich glaube für mich war es nochmal eine größere Herausforderung. Ich bin nämlich fast jedes Mal in Panik geraten, wenn ich eine neue Aufgabe bekommen habe. Wenn ich nicht schon am Anfang einer Aufgabe eine Lösung sehen kann, kriege ich alle möglichen Katastrophengedanken und komme mir vor, als würde ich meine Aufgabe nie lösen können. Mit der Zeit wurde es einfacher und ich habe gelernt, dass ich trotzdem eine Lösung finden kann, auch wenn ich sie am Anfang noch nicht sehe, aber es ist trotzdem etwas, womit ich mir heute immer noch schwertue. Ich will am liebsten immer von Anfang an wissen, wie eine Aufgabe verlaufen wird.

Das soziale Drumherum
Etwas, das natürlich auch eine Herausforderung für mich war, war das ganze soziale Drumherum am Arbeitsplatz. Das schwierigste waren die Mittagspausen. Ich wollte mich meistens sehr gerne mit meinen Kollegen unterhalten, aber ich wusste nicht immer, was ich sagen sollte und wann ich mit dem Reden dran war. Das hat mich sehr viel Energie gekostet.

Arbeiten von Zuhause während Corona
Ich glaube, ich war ungefähr bei der Hälfte von meinem Praktikum angelangt, als wir alle wegen des Corona Virus heimgeschickt wurden. Wir mussten bis zum Ende meines Praktikums von Zuhause arbeiten. Was ich in dieser Situation sehr genossen habe, war, dass meine sozialen Herausforderungen weggefallen sind. Ich konnte mich endlich ausschließlich auf meine Arbeit konzentrieren und musste meine Energie nicht dafür verwenden, mir Gedanken darüber zu machen, worüber ich mich mit meinen Kollegen unterhalten sollte. Am Anfang war es natürlich schwierig meine Kollegen nicht in der Nähe zu haben, weil ich deshalb nicht so leicht um Hilfe bitten konnte, aber mit der Zeit bin ich recht gut darin geworden meine Probleme alleine zu lösen. Und wenn es wirklich mal ein Problem gab, konnte ich ja mit meinen Kollegen chatten. Alles in allem habe ich die Zeit im Home-Office auf jeden Fall sehr genossen. Es hat nur ein bisschen gedauert sich daran zu gewöhnen.

Ich bin stolz
Ich finde, in meinem Praktikum gab es tatsächlich sehr viele Herausforderungen. Ich konnte sie nicht alle hier aufzählen, weil das viel zu lang geworden wäre, aber ich denke, ihr habt einen kleinen Einblick bekommen. Ich bin auf jeden Fall sehr stolz darauf, dass ich das Praktikum überstanden habe und so viel gelernt habe. Es ist wirklich komisch, dass die letzten sechs Monate jetzt tatsächlich vorbei sind.

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