Gastbeitrag: Mein Assistenzhund Indy

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In diesem Gastbeitrag schreibt Julie über ihre Erfahrungen mit einem Assistenzhund. Julie kommt aus Dänemark und ihr Originalbeitrag ist auf Dänisch. Dieser Beitrag ist von mir (Nici) ins Deutsche übersetzt worden. Das heißt, der Weg zu einem Assistenzhund ist in Deutschland, Österreich usw. vermutlich etwas anders. Julies Geschichte ist allerdings so toll, dass ich sie trotzdem mit euch teilen wollte.

Über Indy und mich
Ich heiße Julie, bin 21 Jahre alt und die glückliche Besitzerin eines Assistenzhundes. Ich habe Autismus und ADS. Ich wohne in einer Wohngruppe und ich bin wirklich froh, hier zu wohnen. Ich liebe Tiere, habe zwei Kaninchen, die frei in meiner Wohnung wohnen, und natürlich meinen tollen Assistenzhund Indy. Er ist ein schwarzer Labrador, der fast drei Jahre alt ist, und ich habe ihn seit zwei Jahren. Es macht mir wirklich viel Spaß mit all meinen Tieren zu trainieren und ihnen Tricks beizubringen.

Mein Alltag vor Indy
Bevor ich Indy bekommen habe, war mein Alltag geprägt von massiver Selbstverletzung. Ich war selten draußen und hatte größtenteils einfach Lust aufzugeben. Ich hatte Angst davor alleine in meiner Wohnung zu sein und ich habe mich nicht getraut zu schlafen, wenn ich nicht wusste, dass ein Mitarbeiter nebenan war. Ein Ausflug in die Stadt, um einzukaufen oder ins Kino zu gehen, war fast ausgeschlossen. Ich war sehr von den Mitarbeitern in meiner damaligen Wohngruppe abhängig.

Wie ich Indy bekommen habe
Ich saß eines Tages und habe fernsehgeschaut und da kam ein Beitrag über einen Kriegsveteranen, der darüber erzählt hat, wie ein Assistenzhund ihm mit seinen Problemen geholfen hat. Ich fand es wirklich spannend und dachte mir, dass ein Assistenzhund mir vielleicht auch bei meinen Problemen helfen könnte. Ich habe angefangen zu recherchieren. Nachdem ich ein paar Monate darüber nachgedacht habe, ob ich die große Verantwortung auf mich nehmen kann, die ein Hund mit sich bringt, habe ich mich dazu entschieden einen Antrag zu stellen. Ich habe zusammen mit meiner Kontaktperson in der Wohngruppe einen Antrag geschrieben und ihn an meinen Sachbearbeiter geschickt. Es war ein wirklich langer Prozess, bis ich eine Antwort bekommen habe: ein halbes Jahr. Viele waren in diesen Prozess involviert und die Empfehlungen von allen war, dass ich einen Assistenzhund kriegen sollte. Und dann endlich an meinem Geburtstag habe ich einen Anruf bekommen. Es wurde entschieden, dass mir ein Assistenzhund bewilligt wird. Das war das beste Geburtstagsgeschenk, das ich mir hätte wünschen können. Aber jetzt sollte das Ganze erst mal an den Verein weitergeschickt werden, der die Assistenzhunde ausbildet. Das heißt, es verging noch ein halbes Jahr, bis ich endlich den Hund bekommen habe. Der Verein musste erst bestätigen, dass ich mich um einen Hund kümmern kann. Und sie mussten über meine Probleme hören, um herauszufinden, welcher Hund am besten zu mir passen würde. So haben Indy und ich zusammengefunden.

Die Anfangsphase
Der Tag, an dem ich Indy bekommen habe, war definitiv der beste in meinem Leben. Wenn man einen Assistenzhund von dem Verein bekommt, von dem Indy kommt, kriegt man auch drei Tage, an denen man mit dem Trainer übt, der den Hund erzogen hat. Diese drei Tage sind direkt am Anfang, wenn man den Hund bekommt. Der Trainer erklärt und zeigt, was der Hund kann, und erzählt einem, wie man den Hund dazu kriegt die verschiedenen Dinge zu tun. Man geht auch in die Stadt und übt die Dinge, die der Hund gelernt hat. Das war wirklich anstrengend, aber auch sehr wichtig, um zu wissen, was der Hund kann. Für mich war es am Anfang wirklich schwierig einen Assistenzhund zu haben. Es sind so viele neue Dinge, die man erst mal lernen muss und man muss sich an die neue Verantwortung gewöhnen. Aber nach ein paar Monaten ist es nicht mehr ganz so anstrengend. Ein Assistenzhund hat immerhin vieles gelernt, er wurde getestet und wegen seines Temperaments gewählt. Das macht vieles einfacher. Der Hund hat die basalen Dinge gelernt und vieles mehr. Deshalb ist es sicherlich nicht ganz so schwierig, wie wenn man einen normalen Hund kriegen würde.

Training
Obwohl ein Assistenzhund gut trainiert ist, muss man das Training trotzdem beibehalten, nachdem man den Hund bekommen hat. Deshalb ist es wichtig, dass es einem Spaß macht mit dem Hund zu üben. Es gibt definitiv Phasen, in denen es mir schlecht geht und ich mir schwer tue so viel mit Indy zu trainieren, wie ich es normalerweise machen würde. Das heißt, manchmal gibt es weniger Training, aber es wird immer beibehalten.

Was Indy kann
Ich habe schon oft gehört, dass Leute überrascht sind, wenn sie hören, dass man einen Assistenzhund bekommen kann, wenn man weder blind noch körperlich behindert ist. Ich werde häufig gefragt, welche Aufgaben der Assistenzhund dann hat. Obwohl ich einfach Dinge vom Boden aufheben kann und Türen öffnen kann, hat Indy trotzdem sehr wichtige Aufgaben. Er kann gewisse Übungen machen, bei denen er entweder seinen Kopf auf meine Oberschenkel drückt oder sich auf mich legt. Das beruhigt mich und kann dabei helfen, dass ich keinen kompletten Meltdown bekomme oder dass ich nicht noch ängstlicher oder unsicherer werde. Er kann auch eine Übung, die „Blockieren“ heißt. Dabei setzt er sich zum Beispiel hinter mich, wenn wir in einem Laden in der Schlange stehen. Das gibt mir mehr Platz um mich herum und sorgt dafür, dass ich mich sicherer fühle, wenn ich in der Schlange stehe. Das ist sonst nämlich oft angstprovozierend für mich. Ich habe Indy auch gelernt mein Telefon für mich zu holen, damit ich jemandem schreiben kann, wenn es mir schlecht geht und ich Hilfe brauche. Etwas sehr Wichtiges, das er auch kann, ist mich anzustupsen, wenn ich anfange mir selbst gegen den Kopf zu hauen. Oder er setzt sich einfach auf mich. Beides bringt mich dazu aufzuhören. Das waren einige seiner Aufgaben – die, die ich am wichtigsten finde.

Die Nachteile eines Assistenzhundes
Eines der Dinge, die wirklich nervig sein können, wenn man einen Assistenzhund hat, ist, dass man oft angestarrt wird, wenn man in der Stadt ist. Man wird außerdem oft damit konfrontiert, dass Hunde normalerweise an bestimmten Orten nicht erlaubt sind. Man muss sich also erklären. Manchmal gibt es Leute, die sehr neugierig sind und wissen wollen, wieso man einen Assistenzhund hat, wenn man nicht behindert aussieht. Ich muss zugeben, dass das unglaublich nervig sein kann, weil ich am liebsten einfach unsichtbar wäre, wenn ich in der Stadt bin.

Indy macht einen Unterschied
Ein Assistenzhund ist keine Zauberei und mein Leben ist manchmal immer noch unglaublich schwer. Manchmal habe ich immer noch Lust aufzugeben. Aber dann kommt Indy, schaut mich an und bringt mich vielleicht dazu, mit ihm rauszugehen. Und dann denke ich daran, dass ich nicht aufgeben kann. Ich habe immerhin ihn und ich bin für ihn verantwortlich. Und obwohl es unglaublich anstrengend sein kann einen Hund zu haben, der Training und Spaziergänge braucht, überwiegen die Vorteile auf jeden Fall.

Nachdem ich Indy bekommen habe, habe ich auf jeden Fall gemerkt, dass es mir besser geht und ich glücklicher bin. Ich bin auch selbstständiger geworden! Ich kann jetzt alleine in meiner Wohnung sein und schlafen, ohne dass ein Mitarbeiter in der Nähe ist. Im Oktober war ich im Urlaub – das erste Mal seit 5-6 Jahren und Indy war natürlich dabei. Natürlich gibt es auch andere Vorteile einen Hund zu haben. Ich bin in viel besserer Form, weil ich jeden Tag wirklich viele Kilometer gehe. Und ich habe etwas, wofür ich jeden Tag aufstehen kann. Immerhin braucht indy ja seinen Spaziergang.

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