Was wäre, wenn man die Ursache von Autismus finden würde?

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Was wäre, wenn man die Ursache von Autismus finden würde?

Immer wieder sieht man Artikel, die behaupten, dass man weitergekommen ist in der Forschung um die Ursache von Autismus zu finden. Nicht selten wird auch geschrieben, dass man nah dran ist eine Heilung für Autismus zu finden. Ich glaube nicht, dass Forscher in der näheren Zukunft herausfinden werden, woher Autismus kommt. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es irgendwann herausfinden werden. In diesem Beitrag will ich ein bisschen darüber schreiben, welche Konsequenzen das vor allem für Autisten haben könnte und was ich persönlich davon halten würde.

Früherkennung von Autismus

Mal angenommen es wird herausgefunden, wie sich Autismus entwickelt. Ist die Wahrscheinlichkeit dann nicht hoch, dass man auch erforscht, wie man Autismus schon während der Schwangerschaft feststellen kann? Was wird dann mit Autisten passieren? Lasst uns Autismus kurz mit Trisomie 21 vergleichen. Trisomie 21 ist auch ein Syndrom, für das es keine Heilung gibt. Und was passiert mit den meisten Babys, bei denen während der Schwangerschaft Trisomie 21 entdeckt wird? Sie werden abgetrieben. Ist das auch die Zukunft für Autisten, wenn die Ursache von Autismus erforscht wird?

Ursache ist gleich Heilung?

Nur weil eventuell irgendwann die Ursache von Autismus gefunden wird, bedeutet es natürlich nicht, dass auch eine Heilung gefunden wird. Aber was ist, wenn doch? Nicht alle Autisten wünschen sich überhaupt eine Heilung. Werden wir dann von unserer Umwelt dazu gedrängt unseren Autismus loszuwerden? Wird es überhaupt noch Hilfsangebote für Autisten geben oder wird einfach gesagt: „Du kannst dich ja heilen lassen.“ Ich bin mir sicher, dass es Paare gibt, die ein autistisches Baby abtreiben würden, wenn sie die Diagnose schon während der Schwangerschaft kennen würden. Wie ist es dann, wenn sich ein Paar für das Kind entscheiden würde? Würden sie es sofort heilen lassen oder würden sie dem Kind die Möglichkeit geben selbst zu entscheiden, wenn es älter ist?

Wunsch nach Heilung oder Früherkennung?

Jetzt kommt der kritische Teil dieses Beitrags. Ich würde nämlich gerne meine Meinung mit euch teilen. Ich weiß, dass wir uns nicht alle einig sein werden, aber ich hoffe, dass ihr akzeptieren und respektieren könnt, wenn ich eine andere Meinung habe.
Würde ich mir eine Heilung für Autismus wünschen? Ja und nein. Ich kann mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, dass es jemals eine Heilung geben wird. Autismus ist so verflechtet mit unserer Persönlichkeit, dass es mir unmöglich scheint, dass man den Autismus einfach wegnehmen kann.

Der größte Teil von mir sagt: Autismus ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Er macht mich zu dem Menschen, der ich bin. Das will ich nicht hergeben. Ich mag meine Persönlichkeit. Ein anderer Teil von mit denkt allerdings, dass ich gerne ein paar meiner Herausforderungen loswerden würde. Ich bin mir zum Beispiel sehr sicher, dass mir so viel Energie im Alltag fehlt, weil ich Autistin bin. Wenn man das also wegnehmen könnte ohne meine Persönlichkeit zu ändern, fände ich das super.

Jetzt zu dem kritischsten Teil dieses Beitrags. Würde ich mir eine Früherkennung wünschen und würde ich ein autistisches Baby abtreiben? Ich weiß es nicht. Mein Freund und ich haben tatsächlich schon darüber geredet, dass die Wahrscheinlichkeit vermutlich recht hoch ist, dass wir mal ein autistisches Kind bekommen. Wenn unser Kind mal genauso autistisch wird wie ich, ist das, finde ich, gar kein Problem. Es lässt sich recht gut leben mit meinem Autismus.

Aber was ist, wenn unser Kind so autistisch ist, dass es nie selbstständig leben kann und von der Welt vollkommen überfordert ist? Genießt es dann überhaupt sein Leben? Ich glaube, so lange man mit einer Frühdiagnostik nicht erkennen kann, wie sehr ein Kind betroffen ist, würde ich eine Abtreibung immer ablehnen. Und selbst wenn es möglich wäre, bin ich mir trotzdem sehr unsicher, ob ich ein Kind abtreiben könnte, „nur“ weil es behindert ist.

1 Kommentar/e
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    Sonja

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    Liebe Nicole,
    das ist ein interessantes und schwieriges Thema. Ich sehe nicht, wo ich geheilt werden müsste (was den Autismus angeht). Aber das Leben damit war auch nicht immer einfach. Und je älter ich werde, desto mehr habe ich den Eindruck, dass in der Gesellschaft kein Platz für Autisten ist. Mein Stiefsohn hat es schon viel schwerer als ich. Wir haben uns daher gegen ein Kind entschieden.

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