Asperger Diagnose im Erwachsenenalter

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Asperger Diagnose im Erwachsenenalter

Asperger Diagnose im Erwachsenenalter

Ich habe meine Asperger Diagnose erst vor zwei Jahren bekommen. Zu dem Zeitpunkt war ich 22. Ich war mit dem Abi fertig, bin nach Dänemark ausgewandert und habe selbstständig in meiner eigenen Wohnung gewohnt. Ich dachte, ich wäre auf einem guten Weg gewesen herauszufinden, wer ich bin. Aber dann kam plötzlich die Asperger Diagnose und hat alles verändert. Es war, als ob ich mich selbst noch einmal neu entdecken musste. In diesem Beitrag will ich darüber schreiben, wie es war so spät eine Asperger Diagnose zu bekommen und welche Vorteile und Nachteile es hat als Erwachsene diagnostiziert zu werden.

Neue Herausforderungen
Wenn man aufwächst, lernt man welche Stärken und Schwächen man hat. Man richtet sein Leben danach ein. Als Erwachsener denkt man, man kennt sich selbst und seine Bedürfnisse. Das dachte ich auch. Nachdem ich meine Asperger Diagnose bekommen habe, sind mir aber auf einmal so viele neue Dinge aufgefallen, mit denen ich mir schwertue. Die Herausforderungen waren vorher natürlich auch schon da, aber ich habe sie immer unbewusst vertuscht. Das heißt, ich wusste nichts von diesen Herausforderungen. Ich fand es also recht schockierend plötzlich als Erwachsene herauszufinden, wie viele Herausforderungen ich wegen meinem Asperger überhaupt habe.

Weniger Unterstützung
Einer der Gründe, weshalb ich es schwierig finde, wenn man erst im Erwachsenenalter seine Asperger Diagnose bekommt und mehr über seine Herausforderungen lernt, ist, dass man als Erwachsener auf sich selbst gestellt ist. Hätten meine Eltern und ich schon früher gewusst, welche Herausforderungen ich wirklich hatte, hätten mir meine Eltern beibringen können, wie ich am besten damit umgehe. Natürlich wollen mir meine Eltern auch heute noch helfen, aber ich wohne ja nicht mehr bei meiner Familie zuhause. Das heißt, ich bin recht auf mich alleine gestellt. Jetzt brauche ich pädagogische Unterstützung, um all das zu lernen, was ich vielleicht schon früher hätte lernen können, wenn ich meine Asperger Diagnose als Kind bekommen hätte.

Psychische Probleme

Ich bin mir sicher, dass ich das schon mal auf meinem Blog erwähnt habe, aber hier kommt es nochmal. Ich bin wirklich der festen Überzeugung, dass man psychische Probleme eher umgehen kann, wenn man seine Diagnose früh erhält und lernt damit zu leben. Ebenso hatte ich in meinem Leben viel zu viele psychische Probleme. Ich hatte Probleme mit Selbstverletzung, eine Essstörung und eine Depression. Und im Moment bin ich auch in Behandlung wegen einer Angststörung.

Jetzt könnte man sagen: „Du hast deine Diagnose schon seit zwei Jahren. Wieso hast du dann immer noch psychische Probleme?“ Ja, auf den ersten Blick macht das, was ich schreibe, keinen Sinn. Aber irgendwie passt es doch. Ich denke nämlich, dass ich mein Leben immer noch nicht Autismus-freundlich genug eingerichtet habe und deswegen eine Angststörung bekommen habe. Natürlich kann jeder krank werden und eine Asperger Diagnose im Kindesalter schützt einen sicher nicht vor psychischen Erkrankungen. Aber ich glaube trotzdem, dass eine frühe Diagnose psychischen Problemen ein bisschen vorbeugen kann.

Rücksicht von anderen
Diesen Punkt hätte ich fast vergessen und das obwohl er meiner Meinung nach wirklich wichtig ist. Wenn man im Kindesalter noch keine Diagnose hat, nimmt höchstwahrscheinlich auch niemand Rücksicht auf die Probleme, die man hat. Man sollte nicht eine Diagnose haben müssen um Hilfe und Unterstützung zu bekommen. Aber leider ist es meistens trotzdem so. Ich habe mir zum Beispiel in der Oberstufe vom Gymnasium so schwergetan, weil ich keine feste Klasse mehr hatte, sondern wir immer mit verschiedenen Mitschülern zusammen waren. Aber damit hat mir nie jemand geholfen. Ich bin mir sicher, dass ich die Oberstufe viel besser überstehen hätte können, wenn ich schon meine Asperger Diagnose gehabt hätte. Dann hätte es zumindest Hoffnung für bessere Unterstützung geben können.

Das Positive
Jetzt wo ich all die negativen Aspekte einer späten Diagnose erwähnt habe, kommen hier die positiven Seiten. Das war vermutlich etwas übertrieben. Ich habe nur einen einzigen positiven Punkt. Aber der ist recht bedeutend. Ich bin mir sicher, dass ich in den Jahren vor meiner Diagnose mehr erlebt habe, als ich erlebt hätte, wenn ich meine Diagnose schon früher bekommen hätte. Ich denke dabei vor allem an meine Auswanderung nach Dänemark. Für die, die es nicht wissen: Mit 19 Jahren war ich für ein Jahr in Dänemark an einer Art Ganztagsvolkshochschule. Und danach bin ich irgendwie einfach in Dänemark geblieben und heute wohne ich immer noch dort.

Jetzt wo ich meine Diagnose habe, würde ich nie im Leben nochmal auswandern. Nach Deutschland zurückziehen wäre natürlich etwas anderes, aber ich würde nie nochmal in ein komplett fremdes Land ziehen. Wegen meines Aspergers ist es einfach nicht gut für mich zu große Veränderungen in meinem Leben zu haben. Deswegen sage ich auch nicht, dass es so positiv für mich war nach Dänemark auszuwandern. Aber all das, was ich erlebt und gelernt habe, seit ich nach Dänemark gezogen bin, ist extrem positiv. Wenn ich meine Diagnose schon in Deutschland bekommen hätte, hätte ich all das nicht erlebt. Das heißt, teilweise bin ich doch auch recht dankbar dafür erst als Erwachsene meine Diagnose bekommen zu haben.

2 Kommentar/e
  • Avatar

    Toni-Lotte Schütte-Terheyden

    Antworten

    Hallo ich habe die Verdachtsdiagnose vor 1,5 Wochen bekommen. Eine richtige Diagnostik in der Uniklinik oder beim psychiater steht noch aus. Bis jetzt bin ich wegen Depressionen und seit 6 Monaten wegen Ads behandelt worden. Verbessert hat sich leider nichts. Eher das Gegenteil. Seit zwei Wochen bin ich wieder am Tiefpunkt angelangt.

    • Nici

      Nici

      Das ist aber wirklich schade, dass sich bisher nichts verbessert hat. Ich hoffe, dass du mit einer festen Diagnose doch irgendwann die passende Hilfe bekommst und es dir wieder besser geht. Alles Gute!
      Nici

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