Asperger und Kommunikation

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Asperger und Kommunikation

In letzter Zeit habe ich nicht besonders viel Energie. Es ist nichts neues, dass ich Probleme damit habe meine Energie passend einzuteilen. Aber jetzt bin ich auch noch vor kurzem umgezogen, war im Urlaub und das dritte Semester von meinem Studium hat angefangen. Das hat dafür gesorgt, dass ich noch weniger Energie habe als sonst. Meine Kontaktperson und ich sind gerade dabei herauszufinden, was mir in meinem Alltag am meisten Energie raubt. Wir glauben, dass es uns helfen könnte, wenn wir herausfinden in welchem Bereich ich am meisten autistische Züge habe und womit ich die meisten Probleme habe. In dem Zusammenhang habe ich angefangen darüber nachzudenken, wie viel schwerer Kommunikation für mich als Autistin eigentlich ist.

Erlernte Kommunikation

Meine Kontaktperson hat mich gefragt, wie schwer ich mir damit tue mit Leuten zu reden, die ich nicht kenne. Als erstes dachte ich mir, dass ich eigentlich recht gut darin geworden bin Gespräche anzufangen. Wenn ich wirklich will, kann ich auf jeden Fall Small Talk überstehen. Sogar recht gut. Aber jetzt habe ich angefangen darüber nachzudenken, dass ich nie automatisch ohne darüber nachzudenken ein Gespräch mit Fremden anfangen könnte. Ich muss immer aktiv bestimmte Schritte in meinem Kopf durchgehen, um herauszufinden, was ich sagen kann/soll. Ich könnte mir gut vorstellen, dass mir das viel Energie raubt.

Mangelndes Verständnis

Wenn jemand etwas sagt oder macht, wovon ich denke, dass es dumm, nervig oder auch einfach falsch ist, tue ich mir wirklich schwer damit mich in diese Person hineinzuversetzen und Verständnis aufzubringen. Oft kriege ich es wirklich gar nicht hin. Ich habe zum Beispiel ein paar Lehrer in meinem Studium, die absolut nicht mit Autisten kommunizieren können. Und ich verstehe einfach nicht, wieso sie nicht besser darin werden können oder sich zumindest bemühen können. Wenn meine Lehrer wieder mal nicht auf meine Fragen eingehen (können), werde ich oft wirklich sauer. Das größte Problem dabei ist für mich, dass ich ja nicht zeigen darf, wie sauer ich wirklich bin.

Kampf um den Filter aufrechtzuerhalten

Wenn ich in der Uni bin und finde, dass meine Lehrer sich total daneben verhalten, würde ich mir wünschen, ich könnte sie einfach anschreien. Ich werde so sauer. Meine Lehrer wissen, dass ich ein Problem mit ihrem Unterricht habe. Sie können nicht einmal annährend Autismus-freundlich unterrichten. (Aber das ist ein ganz anderes Thema)

Auf jeden Fall sage ich es oft, wenn ich genervt bin, weil ich nicht genug Infos von meinen Lehrern bekomme. Aber ich muss die ganze Zeit daran denken, dass es so viele Dinge gibt, die ich nicht sagen darf. Ich glaube, NTs (Neurotypische – Menschen ohne Autismus) haben einen Filter, der ihnen automatisch sagt, was sie sagen dürfen und was unangebracht wäre. Wenn ich dahingegen in der Uni bin, muss ich die ganze Zeit darüber nachdenken: „Darf ich das sagen oder ist es zu direkt? Bin ich unhöflich, wenn ich das sage? Werden die anderen sauer oder genervt, wenn ich das sage?“ Ich würde einfach gerne genau das sagen, was ich denke. Aber leider gibt es ja ungeschriebene Regeln in der Gesellschaft, die besagen, dass man nicht all das sagen darf, was man denkt. Damit tue ich mir wirklich schwer. Und ich würde so gerne auch einfach zeigen dürfen, wie sauer ich bin, wenn mich meine Lehrer nerven.

Freude am Reden

In diesem Abschnitt geht es um etwas ganz anderes. Aber es hat natürlich auch mit Kommunikation zu tun. Ich liebe es zu reden, wenn etwas Spannendes in meinem Leben passiert. Ich würde am liebsten sofort jedem alles davon erzählen. Als meine Kontaktperson und ich darüber geredet haben, in welchen Bereichen ich am meisten Probleme habe, hat sie mich auch gefragt, wie gut ich darin bin die Dynamik in einem Gespräch zu erkennen. Ich bin gut darin anderen zuzuhören und sie nicht zu unterbrechen. Und ich merke, wenn jemand nicht an einem Gesprächsthema interessiert ist.

Aber mir ist auch aufgefallen, dass ich manchmal tatsächlich gerne so viel reden würde, wie ich will, egal ob mein Gesprächspartner an dem Thema interessiert ist. Das heißt, ich muss tatsächlich immer wieder daran denken, anderen in einem Gespräch auch Platz zu lassen und nachzufragen, wie es ihnen geht. Ich bin wirklich sehr daran interessiert zu hören, wie es meinen Freunden, meiner Familie und meinem Freund geht. Ich höre ihnen gerne zu. Manchmal will ich nur leider viel lieber von meinen eigenen Neuigkeiten erzählen. Wenn ich wirklich von etwas begeistert oder genervt bin, muss ich also immer aktiv daran denken, dass ich die gesellschaftlichen Regeln einhalten muss und mein Interesse an anderen so sehr zeigen muss, dass es für sie auch deutlich wird.

Kommunikation und Energie

Wenn man nur darauf achtet, wie gut ich darin bin zu kommunizieren, würde man vermutlich nicht direkt vermuten, dass ich Asperger habe. Aber das Problem für mich ist, dass ich so viele Dinge über Kommunikation lernen musste und dass ich die ganze Zeit daran denken muss, dass ich die gesellschaftlichen Regeln einhalten muss. Und das raubt wirklich viel Energie. Ich halte immer eine Fassade aufrecht um so neurotypisch wie möglich zu wirken. Ich bin wirklich gut darin. Aber das kostet mich auch viel Kraft.

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