Grafik einer arbeitenden Person. Schrift daneben: "Frührente. Frührente beantragen mit Autismus"

Frührente beantragen mit Autismus

Ich habe mir lange überlegt, ob ich diesen Weg mit euch teilen möchte. Beziehungsweise ob ich ihn jetzt schon mit euch teilen möchte. Aber ich denke mir immer: „Vielleicht steckt gerade jemand in einer ähnlichen Situation und ich kann derjenigen/demjenigen mit meinem Text helfen.“ Wie ihr durch den Titel sicherlich schon erahnen könnt, geht es darum, dass ich als Autistin Frührente beantragen werde. 

Frührente beantragen in Dänemark 

Für diejenigen unter euch, die mich noch nicht kennen, hier ein kleiner Hinweis: Ich wohne seit 2014 in Dänemark und werde auch in Dänemark Frührente beantragen. Ich kenne mich bisher nicht mit dem deutschen System aus und kann euch dazu leider keine Infos geben. Aber vielleicht hilft es manchen unter euch trotzdem meine Beantragung mitzuverfolgen. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es in Deutschland Frührente heißt, aber weil das mehr oder weniger die Übersetzung vom Dänischen ins Deutsche ist, werde ich es hier Frührente nennen. 

Mein Weg 

Hier ein paar Hintergrundinfos zu mir und meiner Laufbahn mit Studiengängen und Praktika: Ich habe mein erstes Studium abgebrochen. Es ging mir zu schlecht. Mein zweites Studium habe ich geschafft – mit einer neuen Diagnose im Gepäck (Angststörung) und jeder Menge psychischer Krisen. Das Praktikum während des Studiums war gefüllt mit Phasen von Depression und Angststörung. Ein weiteres Praktikum letztes Jahr hat dazu geführt, dass meine Energie im Alltag seitdem noch weniger ist als vorher eh schon. Wie ihr sehen könnt, war das Ganze nicht gerade eine Erfolgsgeschichte. 

Der erste Kontakt mit dem Jobcenter

Nachdem ich mein Studium abgeschlossen habe, war mir bereits klar, dass eine Vollzeitarbeit für mich sehr schwierig sein würde. Deshalb bin ich mit dem Jobcenter in Kontakt getreten. Ich habe ein Programm angefangen, in dem ich verschiedene Praktika ausprobieren sollte, um zu sehen, wie viele Stunden ich pro Woche arbeiten kann. Aber nach dem ersten Praktikum konnte ich einfach nicht mehr. 

Der Rat meiner Sachbearbeiterin: Frührente beantragen

Nach langem Überlegen kam meine Sachbearbeiterin zu dem Entschluss, dass sie mir dazu rät Frührente zu beantragen. Es gibt viele „Regeln“ (mit Ausnahmen), die besagen, dass ich eigentlich keine Frührente beantragen kann. Unter anderem müsste man eigentlich über 40 Jahre alt sein. Es gibt aber diese Ausnahmen, die mir doch zumindest eine kleine Chance geben. 

Die Beantragung der Frührente

Um Frührente beantragen zu können, brauche ich jede Menge Dokumente von meinem Hausarzt, meinem Psychiater und meinen Kontaktpersonen. Das Ganze dauert unglaublich lange, aber ich weiß auf jeden Fall, dass alle hinter mir stehen und mich bei der Beantragung unterstützen. 

Frührente beantragen mit Autismus

Wenn ihr mich schon einige Zeit kennt, versteht ihr bestimmt, dass Frührente der richtige Weg für mich ist. Aber für die Neuen unter euch erkläre ich es hier noch einmal kurz und knapp. Wenn ich arbeiten müsste, würde das meinen Alltag komplett zerstören. Ich könnte kein erfülltes Leben mehr führen. Das klingt dramatisch. Ist es aber eben auch. Wenn ich arbeiten müsste, könnte ich die Zeit mit meinem Mann nicht mehr genießen. Ich könnte nicht mehr im Haushalt helfen. Ich müsste viel mehr schlafen. Ich könnte meinen Hobbies nicht nachgehen. Ich würde krank werden. Ich könnte kein würdiges Leben führen. 

Wie es weitergeht

Ich werde euch natürlich hier auf meinem Blog Updates geben, wie es mit der Beantragung der Frührente läuft. Wenn ihr aber noch mehr lesen wollt, schreibe ich oft auch noch auf Instagram. Ihr könnt mir hier folgen, wenn ihr wollt.

6 Kommentare zu „Frührente beantragen mit Autismus“

  1. Hallo Nicole,
    ich drücke dir die Daumen, dass es mit der Frührente funktioniert und bin gespannt wie dein Weg bis dahin verläuft. Ich glaube hier in Deutschland nennt sich das Erwerbsunfähigkeits-Rente. Wobei viele auch den Begriff Frührente verwenden. Bin mir aber nicht sicher, ob beides das Gleiche meint.

    Ich bin 40 Jahre jung und habe vor 2 Jahren die Diagnose ASS bekommen bzw. Asperger-Syndrom. Ich bin aktuell seit Mai vom Hausarzt krankgeschrieben und das wird bis August noch so weitergehen, da ich erst dann einen Termin beim Psychiater habe. In der Ambulanz einer psychiatrischen Klinik tippte man auf eine Art Burnout, aber das muss dann mein Psychiater im August klären, was mir konkret fehlt.

    Ich arbeite seit 16 Jahren Vollzeit, 40h die Woche. In der Firma sind alle sehr tolerant und für meine Verhältnisse kam ich immer ganz gut zurecht mit den Kollegen. Allerdings hatte ich davor nur schlechte Erfahrungen gemacht. Schule war problematisch, oft gemobbt worden. Danach war ich 4 Jahre freiwillig bei der Bundeswehr/Marine, wo es ebenfalls Probleme mit den meisten Kameraden gab. Danach div. Praktika die ich schon am ersten Tag abbrach, wegen der Leute. Eine abgebrochene Ausbildung, wegen der anderen Leute… Naja, und dann hatte ich jetzt Glück beim jetzigen Arbeitgeber, wo ich seit 16 Jahren bin und wo ich auch erfolgreich eine Berufsausbildung gemacht habe. Allerdings gab es nicht einen Tag, wo ich nicht gestresst war. Und über die 16 Jahre hat es sich aufsummiert und jetzt geht es nicht mehr.

    Ich persönlich habe das Gefühl, dass ich keine 40h die Woche arbeiten kann. Ich weiß auch nicht, ob ich überhaupt irgendwie arbeiten kann, ohne direkt wieder die Flucht zu ergreifen aufgrund negativer Erfahrungen mit den Kollegen… Ich bin gespannt in welche Richtung es bei mir gehen wird, was die Psychiaterin sagen wird.

    Ich habe wegen meiner Probleme auch einen Schwerbehindertenausweis beantragt, allerdings wurde mir der verweigert. Mein Grad der Behinderung wurde mit 30 eingestuft, schwerbehindert ist man erst ab 50. Da habe ich mit einem Anwalt jetzt Widerspruch eingelegt und gleichzeitig einen Antrag auf Gleichstellung mit Schwerbehinderten gestellt bei der Arbeitsagentur.

    Sorry für diese Textwand. Aber dein Post erinnert mich an meinige jetzige Situation und es hilft einfach mal davon zu berichten. Dir jedenfalls alles Liebe und Gute 🙂

    1. Hallo 🙂
      danke für deinen Kommentar. Das klingt wirklich, als ob du schon so einiges durchmachen musstest. 40 Stunden pro Woche ist auch nicht gerade wenig. In Dänemark sind es zumindest meistens nur 37 Stunden.
      Ich hoffe, dass du gute Hilfe und Unterstützung bekommen wirst und dass der Widerspruch durchgeht.

      Liebe Grüße
      Nicole

  2. Hallo Nicole,
    Ich lese deinen Blog schon eine ganze Weile, und ich habe mich schon lange gefragt, ob du das überhaupt schaffen kannst: arbeiten. Ich selbst habe es in gewissem Umfang und für ein paar Jahre (mit Unterbrechungen) geschafft, aber der gesundheitliche Preis und das Nicht an Lebensqualität waren viel zu hoch. Mit Mitte 40 war ich am Ende, dann kam die Aspergerdiagnose, und ich wurde regelrecht in die Frührente hineingedrängt: Keiner war der Meinung, dass er mit mir und der Rücksichtnahme, die nötig wäre, um mich nicht direkt wieder krank werden zu lassen, etwas anfangen kann. Anfangs hat mich das zutiefst frustriert und geschockt, aber inzwischen bin ich so erleichtert und froh: Ich lerne erst jetzt nach und nach, überhaupt zuerkennen, wo meine Belastungsgrenzen sind (und bin immer noch oft erschrocken, wie eng die sind…). Und wie ich besser dafür sorgen kann, dass ich mich nicht mehr dauernd überfordere, und wie ich auch immer wieder regenerieren kann. Das zu lernen fällt mir so schwer! Ich habe ja jahrzehntelang unter dem erbarmungslosen Druck der Neurotypischen gelernt, mich selbst komplett zu unterdrücken. Das ist so verinnerlicht.
    Deshalb bin ich wirklich froh für dich, dass du sogar von deiner Sachbearbeiterin im Jobcenter ermutigt wirst, Frührente zu beantragen! Ich wünsche dir, dass es klappt.

  3. Salut, bis her lese ich dann und wann mal hier, stimme zu und denke, schön, dass und gut, wie du es in Worte fasst.
    Jetzt schreibe ich mal ein paar Zeilen:
    Ich arbeite seit Jahren in einem strapazierenden Umfeld, aber habe das sehr gerne gemacht. Vor allem hilft mir einer meiner Studienabschlüsse in diesem Beruf beim Verstehen, dessen, was an Kommunikation abläuft, welche Bedürfnisse begegnen und wie ich helfen, unterstützen, begleiten kann.

    Dann habe ich meinen Schwerpunkt weg verlagert von diesem stressigen Umfeld.
    Nun bin ich als Aspie bei einem Träger und habe mit weniger Lärm, weniger Kommunikation, weniger Aufgaben-Vielfalt zu tun. Was als Ent-Lastung geplant war, entpuppte sich nach einem halben Jahr als Be-Lastung. Unklare Strukturen, ableistische und bevormundende Kolleginnen, die mit mir extrem langsam sprechen, da ich ja behindert bin, wenig Zutrauen in mein Wissen und Können. Das alles ist viel stressiger und kräftezehrender als meine vorherige Stelle (die nicht perfekt war).
    Jetzt überlege ich bzw. mein Behandler, hier mal einen Schlussstrich zu ziehen, denn etweder ich kündige und kann als Selbständiger viel Geld verdienen, sodass es zum Leben reicht. Oder ich müsste mir eingestehen, dass ich in dieser(!) Arbeitswelt nicht arbeiten kann. Mein Behandler sieht es von außen wohl deutliche als ich: Aber ich gehe an der Art, wie ich jetzt Praktikanten-Aufgaben erledige als jemand der zwei Studiengänge abgeschlossen hat, zugrunde. Daher lese ich – bei allen Unterschieden in unserer Erwerbsbiografie – gerne und mit Interesse, wie es dir ergeht.

    1. Das Problem ist meistens nicht unbedingt die Arbeit an sich. Es ist eher, was es mit mir macht arbeiten zu gehen. Ich habe danach einfach keinerlei Energie mehr und kann in meinem Alltag nicht mehr funktionieren. Da gibt es dann nur: Arbeiten, Essen, Schlafen. Und so sollte das Leben ja nicht aussehen 😉 Und noch dazu kommt dann auch, dass ich oft wieder psychisch krank werde, sobald in der Arbeit irgendwelche Ansprüche an mich gestellt werden.

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