Gastbeitrag: Meine Beziehung zu einem Autisten (Update)

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Rückblick
Vor über einem Jahr hat Ben die Diagnose Autismus-Spektrum- Störung mit einhergehender Gefühlsblindheit bekommen. Ich habe damals darüber geschrieben: https://www.unbemerkt.eu/de/meine-beziehung-zu-ben-einem-autisten/ Dieser Beitrag auf dem Blog der lieben Nici, hat mir sehr geholfen, meine Gefühle und Gedanken zu sortieren. Heute möchte ich ein euch ein kleines Update geben.

Gefühle und Vertrauen
Nachdem ich angefangen hatte, sehr viel Fachliteratur über Autismus zu lesen, wurde mir schnell klar, dass mich das mehr verunsichert in meiner Beziehung zu Ben, als dass es ihr nutzt. Ich hatte große Angst, dass meine Gefühle kein guter Ratgeber mehr sind. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt. Meine Gefühle sind der beste Ratgeber, den es für mich in unserer Beziehung gibt.

Was Ben und ich beide lernen mussten, war, dass das Sprechen über die Diagnose und damit einhergehende Veränderungen, unglaublich wichtig sind.

Kommunikation
Ben entdeckte für sich viele Dinge, die er bisher getan hatte, „weil man das ebenso macht“ und es den „gängigen sozialen und gesellschaftlichen“ Normen und Konventionen entspricht, aber nicht ihm.

Ich war froh und erleichtert, dass er es schaffte sich selbst etwas den Druck zu nehmen, unter dem er bisher stand, indem er Dinge begann anders zu machen. Andererseits tat er das immer wieder, ohne dass er zuvor mit mir darüber gesprochen hatte. Er ging davon aus, dass ich seine Absichten und Gründe für die Veränderungen erkennen würde, ohne dass er sie mir erklärt hatte. Für mich kamen manche Änderungen dann wie aus dem nichts und ich fühlte mich vor den Kopf gestoßen. Das hat immer wieder zu Unverständnis und Missverständnissen auf beiden Seiten geführt. Irgendwann wurde uns klar, dass es sehr hilfreich ist, wenn Ben sich die Frage stellt, ob ich das gleiche Wissen haben kann wie er – über seine Absichten und Beweggründe.

Meine Kommunikation zu Ben hat sich verändert. Ich habe gelernt, das für ihn Zeitangaben und Aussagen wie „mal Sehen“, „Vielleicht“ oder „Irgendwann“ keine klare Information enthalten und er deshalb weiterhin unsicher ist, was ich meine. Seitdem versuche ich, klarer zu formulieren, was ich sagen möchte. Das ist für mich manchmal sehr anstrengend, aber diese Erkenntnis ist auch sehr bereichernd für mich. Die Klarheit, die Ben in unserer Kommunikation braucht, habe ich festgestellt, würde ich mir auch häufig von anderen Menschen in meinem Umfeld wünschen. Das zu erkennen war für mich selbst sehr wichtig und es hat für mich viele Vorteile. Ich habe gemerkt, wie schwierig und anstrengend ich es oft finde, wenn mein Gegenüber sich nicht klar äußert. Bens Wunsch nach Klarheit in unserer Kommunikation, hat auch für mich die Kommunikation zu andern positiv verändert.

Gefühle
Meine Gefühle kann Ben fast immer anhand meiner Mimik und Gestik erkennen. Falls nicht, fragt er, wie es mir geht. Früher fand ich diese Frage manchmal irritierend, weil ich dachte, dass er doch sehen müsste, wie es mir geht. Heute finde ich diese Frage schön. Sie zeigt mir, dass Ben wissen möchte, wie es mir geht und dass ich ihm wichtig bin.

Heute
Nach einem Jahr seit der Diagnose, hat sich unsere Beziehung verändert. Wir sind noch enger miteinander verbunden und halten, unterstützen und tragen uns gegenseitig. Wir reden mehr miteinander, weniger aneinander vorbei und offener. Ich hatte im letzten Jahr keine einfache Zeit. Ich war ziemlich erschöpft und hatte Depressionen. Ben war da. Er hat mich aufgefangen, getragen und liebevoll getröstet. Und das ist er immer noch.

Ausblick
Heute planen wir unsere Zukunft in einem anderen Bundesland. Neue Jobs, neue Menschen und doch auch Heimkommen, da wir von dort stammen. Vielleicht berichte ich euch wieder.
Viele Grüße,
Mel.

Lieber Ben,
danke für dein Vertrauen und deine Liebe.
Unser Weg geht weiter. Wie schön.
Bald sind es 10 Jahre.
In Liebe,
deine Mel.

1 Kommentar/e
  • Andrea

    Antworten

    Schön!!!

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