Gastbeitrag: Meine Beziehung zu Ben – einem Autisten

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In diesem Gastbeitrag erzählt Mel von ihrer Beziehung mit Ben. Ben hat vor kurzem herausgefunden, dass er eine Autismus Spektrum Störung hat.

Das erste Kennenlernen

Ben und ich sind seit fast 9 Jahren ein Paar. Kennengelernt haben wir uns über seine Schwester. Zuerst war es für mich eher so, dass ich diesen stillen, in sich gekehrten Mann dazu animieren wollte, sich an den Gesprächen in der gemeinsamen Freunde Runde von mir und seiner Schwester, zu beteiligen. Ben saß an diesem Abend mit uns zusammen in einem Irish Pub und sagte kaum ein Wort. Einige Wochen später folgte der erste Kuss. Ganz romantisch, im Regen, auf dem Weg nach Hause.

Eine feste Beziehung?

Heute rückblickend weiß ich, dass schon der Beginn unserer Beziehung anders war. Ich war mir nach einigen weiteren Treffen noch nicht sicher, ob das mit uns passt. Deshalb bat ich Ben darum, dass wir beide erstmal schauen, wo uns die Reise hinführt, ohne eine feste Beziehung als vorgemerkten Weg Punkt. Nach 4 Monaten, fragte Ben mich eines Abends, ob ich mir mittlerweile klarer geworden sei, wo unsere Reise hingeht, ob ich eine Beziehung führen möchte, oder nicht.

Das Ziel unserer Reise

Ich weiß heute noch genau, was ich in diesem Moment fühlte. Ich fühlte mich schrecklich, weil ich dachte, dass ich Ben nicht deutlich genug gezeigt hätte, das wir für mich schon längst eine feste Beziehung führen und ich unbedingt fest mit ihm zusammen sein wollte. Ich hatte das Ziel unserer Reise gar nicht mehr in Frage gestellt. Ben hatte die ganze Zeit darauf gewartet, dass ich ihm meine Entscheidung mitteile, laut ausspreche, was ich fühle. Er konnte nicht anhand meines Verhaltens erkennen, das meine Entscheidung schon längst getroffen war.

Unsicherheit

Solche Situationen gab es in den 9 Jahren unserer Beziehung oft. Sie irritierten mich, machten mich wütend oder traurig. Weil Ben für mich „normale“ und eindeutige Dinge und Situationen völlig anders betrachtete oder empfand. Manchmal wusste ich nicht, wie und ob es mit uns weitergehen soll.

Die Diagnose

Heute weiß ich, seit 3 Wochen, dass Ben sich im Autismusspektrum befindet. Dazu kommt noch eine damit einhergehende Gefühlsblindheit. Der Weg bis zu dieser Diagnose dauerte 2 Jahre, für mich. Für Ben dauerte er sein ganzes, 28 Jahre langes Leben. Zeit in der er immer versucht hat, sich an Gesellschaftliche Normen und Werte anzupassen.

Depressionen

Die letzten 2 Jahre, hatte Ben schwere Depressionen. Es folgte eine ambulante Psychotherapie, ein Reha Aufenthalt. Dort hatte Ben das Glück, auf einen Arzt und eine Therapeutin zu treffen, die über ihren Tellerrand blickten. Allerdings konnten sie nur eine Verdachtsdiagnose stellen, da sie auf Autismusspektrum Diagnosen nicht spezialisiert waren. Die letzten beiden Jahre waren ein einziges Gefühlschaos. Ben und ich waren beide immer wieder kurz davor zu verzweifeln. Die Verdachtsdiagnose war eine kleine Erleichterung. Die Depressionen von Ben hatten endlich einen greifbareren Grund. Einfacher machte die Verdachtsdiagnose unser Leben jedoch zunächst nicht.

Hilfesystem

Ich fing an über Autismus zu lesen. Hier kam mir mein beruflicher Hintergrund zugute und mein Interesse für Medizin. Leider stellte ich schnell fest, dass nicht nur die Literatur über Autismus, sondern auch das Hilfesystem, sich vor allem auf Eltern von Kindern im Autismusspektrum eingestellt hat. Bis jetzt habe ich noch keine Unterstützung für Partner*innen gefunden.

Autismus als Teil der Persönlichkeit

Auch der Austausch und Gespräche mit Ben, über Autismus waren und sind manchmal noch immer schwierig. Ich bin in meiner Persönlichkeit so Strukturiert, das ich „Probleme“ lösen und schnellstmöglich aus der Welt schaffen will. Autismus und alles was damit zusammenhängt, ist aber kein „Problem“ das man einfach löst und alles ist gut. Ich musste verstehen und akzeptieren dass Ben Autist ist. Es ist keine Entscheidung, die er getroffen hat oder eine Einstellung. Der Autismus ist ein Teil seiner Persönlichkeit.

Es hat gedauert, bis Ben und ich offen sprechen konnten. Doch es werden immer mehr und immer offenere Gespräche.

Lösungen und Kompromisse

Ben ist gerade dabei herauszufinden was ihm gut tut und was nicht. Welche Routinen ihm Sicherheit im Alltag geben. Ich bin dabei herauszufinden, mit welchen Neuerungen ich gut mitgehen kann ohne mich verändern oder verstellen zu müssen und gemeinsam suchen wir Lösungen und Kompromisse, an den Stellen wo es für einen von uns schwierig wird.

Ein gutes Beispiel ist die Spülmaschine. Ben hat such gewünscht, das wir in Zukunft das Besteck nach Art und immer in das selbe Fach, in den Korb einsortieren. Ich habe schnell gemerkt, das dass eine große Erleichterung beim Ausräumen der Spülmaschine mit sich bringt. Aber auch, das ich mich nicht darauf einlassen kann, immer dasselbe Fach für die Löffel zu verwenden, weil es mir nicht wichtig ist. Der Kompromiss ist, dass wir das Besteck nach Art einsortieren.

Soziale Situationen

Große Schwierigkeiten, vor allem Interessenskonflikte, bringen für Ben und für mich soziale Situationen mit sich. Ich brauche meine Freunde, Ausgehen, Konzertbesuche… Ben strengt das an. Er sagte vor einiger Zeit zu mir:“ Du bist mein Moralischer Kompass.“ Er weiß manchmal nicht, was man laut Gesellschaftlich geltender Norm „tut“ oder „nicht tut“, welches Verhalten von ihm in sozialen Situationen „angemessen“ wäre. Manchmal würde ich mir wünschen, dass er es, wie ich, intuitiv weiß. Und manchmal, kann ich viel von ihm lernen, wenn er soziale Situationen, die mich Emotional sehr belasten, einfach nicht an sich heranlassen kann, weil er Ihnen nicht das Gewicht gibt, das sie für mich hätten. In solchen Momenten kann ich von ihm lernen, Dinge gelassener und mit Abstand zu betrachten.

…Einerseits ändert die Diagnose alles für mich…:

Ich merke, dass meine Kommunikation sich verändert. Ich spreche normal viel in Bildern und Metaphern. Ben versteht dann oft nicht genau, was ich sage. Ich merke das es für Ben wichtig ist, das ich klare Aussagen treffe die keinen Raum für große Interpretationen lassen, es fällt ihm dann leichter mich zu verstehen.

Ich gehe gerne aus und treffe mich mit Freunden und meine Familie. Ich habe für mich gemerkt, dass ich meine Freund mehr brauch den je. Manchmal brauche ich Menschen um mich, die meine Emotionalität und mein Empfinden auch auf nonverbaler Eben verstehen, ohne dass ich mich erklären muss.

…andererseits nichts…:

Ben, ist für mich nicht Gefühlsblind. Er geht nur anders mit Gefühlen um. Er hat in den 9 Jahren sehr gut gelernt, viele meine Gefühle zu erkennen. Und ich kann nur erahnen, wie sehr ihn das Lernen angestrengt haben muss.

Im Moment, fängt er an, mir immer mehr sein „Ich“ zu zeigen und erlerntes Sozialverhalten zu hinterfragen, ergründet ob es zu ihm passt.

Mir ist es wichtig, dass Ben sich nicht mehr verstellen muss. Wir machen uns gerade gemeinsam auf, unseren Umgang mit der Diagnose zu finden.

Zusammenhalt

Ben ist immer darum bemüht, dass es mir gut geht und bestrebt Kompromisse zu finden. Das aufeinander zugehen und offen für den anderen zu sein, ist es was uns schon immer zusammengeschweißt hat. Ben sieht mich als ebenbürtige Partnerin und schenkt mir jeden Tag etwas mehr seines Vertrauens. Trotz all der Schwierigkeiten halten wir zusammen. Das ist es, was unsere Beziehung auszeichnet. Und ich bin neugierig, wo uns die Reise hinführt. Ich könnte mir in den 9 Jahren immer sicher sein, dass Ben mich liebt.

Lieber Ben,

Wohin unserer führt ist noch nicht klar.

Aber ich weiß, dass der Weg das Ziel ist.

Wichtig ist nur, dass wir ihn gemeinsam gehen.

In Liebe, deine Mel

1 Kommentar/e
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    Skye

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    Meine Freundin ist keine Autistin, die beschriebenen Probleme sind eben leider für beide Seiten schwierig, aber zusammen steht man das durch. Ich wünsche Mel und Ben noch alles gute für die Zukunft! 🙂

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