Wieso ich – Autismus und Shutdowns

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Ich habe mich vor kurzem mit meiner Kontaktperson unterhalten und bin jetzt ziemlich deprimiert. Das ist natürlich nicht ihre Schuld, aber ich denke, dass das Gespräch daran schuld ist. Wir haben nämlich über meine Shutdowns geredet und darüber, wie es mir zur Zeit geht. Falls ihr nicht wisst, was Shutdowns sind, macht das gar nichts. Ich erkläre das gleich noch. Auf jeden Fall bin ich total genervt und traurig. Aber vor allem finde ist, dass es total unfair ist, dass es mir so gehen muss, wie es mir geht.

Shutdowns
Wenn Autisten überfordert sind (und das kann durch viele Dinge passieren wie zum Beispiel Reizüberflutung), reagieren sie oft mit einem Meltdown oder einem Shutdown. Ein Meltdown ist von außen her sichtbarer. Die Betroffenen schreien zum Beispiel oder schlagen um sich. Ein Shutdown dahingegen ist eher nach innen gewandt. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich bei Shutdowns das Gefühl habe, dass ich mich nicht mehr bewegen und/oder reden kann. Und es kann sein, dass meine Arme und Beine so schwer sind, dass es fast weh tut.

Ich werde oft gefragt, ob ich mich bei Shutdowns wirklich nicht bewegen kann und nicht reden kann. Wenn etwas sehr Wichtiges passiert, kann ich mich schon bewegen und ich kann mich auch dazu zwingen zu reden, aber es fühlt sich unglaublich anstrengend und fast unmöglich an.

Wieso ich, wieso wir?
Ich habe mit wirklich vielen Leuten geredet, die nicht Autisten sind, und ich kenne keine einzige Person, die etwas erlebt, das einem Shutdown ähnelt. Meine Theorie ist deshalb, dass Neurotypische (also Menschen ohne Autismus) immer etwas Restenergie in ihrem Körper übrig haben. Das heißt, sie landen nie in einer Situation, in denen sie komplett ohne Energie sind. Und da kann ich doch etwas neidisch sein. Wieso müssen genau Autisten mit solchen Shutdowns kämpfen?

Die Frage ist vermutlich rhetorisch. Immerhin kenne ich die Antwort ja. Es ist vermutlich so, weil wir Autisten in einer Welt leben, die nicht auf unsere Bedürfnisse eingerichtet ist. Und das kostet viel Energie. Das heißt, es macht sehr viel Sinn, dass wir oft so viel Energie verlieren, dass unsere Körper nicht mehr richtig funktionieren.

Bin ich alleine?
Was mich auch frustriert, ist, dass ich noch nie jemanden im echten Leben getroffen habe, der auch Shutdowns hat. Das heißt, ich fühle mich wirklich alleine damit. Wenn ich mit jemandem über Shutdowns reden möchte, muss ich immer erst erklären, was ein Shutdown überhaupt ist und dann kommen tausend Fragen. Es ist vollkommen in Ordnung Fragen zu stellen, aber ich suche einfach jemanden, mit dem ich mich austauschen kann.

Es wäre auch so schön, wenn man zum Beispiel zum Arzt gehen könnte, und er/sie sofort sagen würde: Ach ja, das ist so wegen dem und dem und das ist ganz normal. Du musst einfach das und das machen. Aber das passiert nicht, weil es keine Psychologen oder Ärzte gibt, die etwas über Shutdowns wissen. Zumindest habe ich noch nie jemanden getroffen. Die einzigen, die ich habe, seid ihr. Es gibt immerhin einige von euch, denen es genauso geht wie mir und das gibt mir zumindest ein bisschen das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Wieso schreibe ich diesen Text?
Vielleicht habt ihr gehofft, dass ich mit etwas Aufmunterndem komme. Etwas, das euch helfen kann. Aber das kann ich im Moment nicht. Ich musste einfach meine Gedanken loswerden. Und der Grund, weshalb ich nicht einfach ein Tagebuch dafür benütze, ist, dass ich mir sich bin, dass sich viele von euch genau so hoffnungslos, frustriert und genervt fühlen. Und ihr sollt wissen, dass ihr nicht alleine seid.

Mehr über Shutdowns
Wenn ihr noch mehr von meinen Beiträgen über Shutdowns lesen wollt, ist hier eine ganze Kategorie: https://www.unbemerkt.eu/de/category/shutdowns/

6 Kommentar/e
  • Joanne

    Antworten

    Liebe Nici,

    Du bist nicht alleine damit. Ich habe auch Shutdowns. Es sind schwierige Phasen. Nach einer Weile vergehen sie. Zumindest bei mir. Ich erkenne sie wieder. Und weiß dann, was ich brauche. Und was ich nicht kann. Diese Zeit nehme ich mir dann. Rede eben nicht. Geb vielleicht kurz Bescheid, dass ich momentan nicht kann. Dass es etwas dauern wird. Ich gönne mir Ruhe. Langsamkeit. (…)

    • Mymi

      Ich kann mich zwar nicht richtig in einen shutdown reinempfinden, aber ich glaube meine Tochter hat so etwas oder zumindest etwas ähnliches manchmal.
      Sie hat manchmal Phasen da sieht sie so traurig aus, liegt deprimiert in ihrem Bett, gibt mir keine Antworten, steht nicht auf. Einmal lag sie samstags bis 14 Uhr in ihrem Bett und wollte nicht aufstehen.
      Sie wird im Sommer 9 Jahre alt.

  • Joanne

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    (…) Kuschelige Decke. Wärme. Wieso du, wieso wir? Keine Ahnung. Ist so. Gehört dazu. Bei uns. Unser Nervensystem ist anders. Unser Energie-Haushalt ebenso. Wenn du magst, können wir uns gerne mal austauschen. 🙂
    Lieben Gruß, Joanne

  • Dennis Janssen

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    Das ist schön geschrieben. Und tatsächlich.. mich muntert es manchmal einfach auf, dass man da nicht alleine ist. irgendwie auch merkwürdig, weil man es anderen nicht wünscht. Aber zu wissen, dass es andere gibt die das auch durchleben lässt einen doch irgendwie sich besser fühlen.

  • Maria

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    Kann ich verstehen. Manchmal kann ich dann nicht mehr klar denken oder Sätze formulieren. Die Reize die in mich einströmen sind einfach zu viel zu verarbeiten und fast jede soziale Interaktion ist für mich Hochleistung. Ich glaube das liegt auch am Maskieren, wenn du unbewusst versuchst dazuzugehören. Dann ist einfach immer eine weitere Ebene die anstrengend ist. Wie ein Computer der abstürzt.

  • Andrea

    Antworten

    Liebe Nici,

    Ich kenne Shutdowns seit meiner Kindheit. Wenn ich z. B. in der Aula saß und jemand baumelt gedankenlos störend den Fuß gegen meinen Stuhl. Ich kann mich nicht mehr bewegen, sehr viel Energie entweicht, ich grübele, was ich sagen kann, doch nichts geht.

    Schutz ist alles, damit es gar nicht erst soweit kommt. Meinen AS-Sohn lasse ich tageweise zu Hause, wenn es gefühlt eng wird.

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