Ist Inklusion möglich?

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In der Stadt, in der ich wohne, haben wir eine Autismus Gruppe. Ich gehe seit einem Jahr dort hin. So auch diese Woche. Ein Teil unseres Programmes ist, dass wir immer eine Stunde lang über ein Thema reden, das uns wichtig ist. In den letzten Wochen haben wir zum Beispiel über Autismus und Liebe, Kochen und Urlaub geredet. Normalerweise sitzen wir immer an einem runden Tisch in einem bestimmten Raum. Diese Woche war es aber so warm, dass wir uns dazu entschieden haben nach draußen zu gehen. Ich finde es oft anstrengend in der Sonne zu sein, weil ich ziemlich lichtempfindlich bin und schnell Kopfschmerzen bekomme, aber es hat Sinn gemacht draußen zu sitzen. Immerhin sollten wir das Wetter genießen.

Wir saßen an einem langen Tisch mitten in der Sonne. Nebenan war eine große Straße und die Schienen vom Zug. Die Mädels, die am anderen Ende des Tisches saßen, haben angefangen zu reden, aber ich konnte nichts hören. Sie haben nicht nur zu leise geredet, sondern der Lärm von der Straße war auch zu laut. Ich habe wirklich versucht mich zu konzentrieren, aber es hat nicht geklappt. Die Sonne, die Hitze, der Lärm und die ungewohnte Umgebung waren einfach zu viel für mich. Erst dachte ich, ich sollte mich einfach zusammenreißen, aber dann habe ich mich doch dazu entschieden etwas zu sagen. Ich habe den anderen erzählt, dass ich es nicht schaffe draußen zu sitzen und mich auf das Gespräch zu konzentrieren.

Ich habe ein paar Sekunden auf Reaktionen gewartet, aber niemand hat etwas gesagt. Das war natürlich auch eine Art Reaktion. Ich weiß nicht, was die anderen gedacht haben, aber ich habe das Gefühl bekommen, dass es ihnen egal war. Ich habe also gesagt „Wenn ich die Einzige bin, die ein Problem hat, ist es ja auch egal“. Ich wollte den anderen die Situation ersparen, dass sie sagen müssen, dass sie sich mir nicht anpassen wollen. Ich wollte nicht reingehen und eine Stunde alleine auf die anderen warten, aber mir blieb ja keine andere Möglichkeit. Ich bin also alleine reingegangen.

Was ist in dieser Situation die richtige Entscheidung? Soll man sich nach der Mehrheit richten oder auf die Person Rücksicht nehmen, die die meisten Herausforderungen hat? Soll man draußen bleiben und mich somit ausschließen oder reingehen, obwohl die anderen lieber draußen sein wollen?

Um ehrlich zu sein, kenne ich mich nicht besonders gut mit Inklusion aus, aber ich glaube, dass es in dieser Situation genau darum geht. Ich verstehe unter Inklusion, dass alle die Möglichkeit haben sollen ein Teil von einer Gruppe, einer Veranstaltung, einer Arbeit o.Ä. zu sein. Ich hatte nicht die Möglichkeit ein Teil des Gesprächs zu sein. Ich wurde nicht inkludiert.

Meine erste Reaktion zu der Situation war, dass die anderen auf mich hätten Rücksicht nehmen sollen. Wir hätten reingehen sollen. Aber plötzlich kam ich mir mit dem Gedanken egoistisch vor. Wieso sollte die Mehrheit auf etwas verzichten, nur weil ich als Einzige ein Problem habe. Ich habe angefangen zu zweifeln. Aber dann habe ich über Inklusion nachgedacht und jetzt bin ich der festen Überzeugung, dass die anderen auf mich hätten Rücksicht nehmen sollen.

Der entscheidende Punkt für mich ist in dieser Situation, dass die anderen draußen sein WOLLTEN, ich aber nicht draußen sein KONNTE. Es war nicht möglich für mich, mich den anderen anzupassen.  Die anderen konnten allerdings wählen, ob sie mir helfen und mich inkludieren wollten.

Wenn man trotzdem daran zweifelt, was in der Situation richtig ist, sollte man auch beachten, dass wir in einer Autismusgruppe waren. Wir sollten uns dort sicher, akzeptiert und inkludiert fühlen. Es sollte auf unsere Bedürfnisse Rücksicht genommen werden. In unserer Gruppe sollte Platz für alle sein.

Ich habe am Anfang geschrieben, dass ich mir egoistisch vorkam, weil ich gehofft habe, dass die anderen auf mich Rücksicht nehmen. Während ich diesen Text geschrieben habe, ist mir allerdings klar geworden, dass ich nicht diejenige bin, die egoistisch ist, sondern die anderen. Ich weiß, es ist provokant zu sagen, dass jemand egoistisch ist, aber so war es in dieser Situation einfach. Die anderen haben ihre Wünsche vor meine Bedürfnisse gestellt. Sie haben sich dazu entschieden mich nicht zu inkludieren. Die Überschrift von diesem Blogbeitrag ist: „Ist Inklusion möglich?“. Meine Antwort ist: Ja, aber man muss es wollen!

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