Offen mit Diagnosen umgehen

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Als ich noch jünger war und so langsam verschiedenste Probleme entwickelt habe, habe ich mit so gut wie niemandem darüber geredet. Ich war traurig, depressiv, wollte nichts unternehmen und wusste nicht mehr weiter, aber ich habe nicht mal meiner Familie davon erzählt. Einerseits war ich nicht gewohnt viel über Gefühle zu reden. Andererseits werden psychische Probleme auch immer noch als Tabu angesehen. Das hat es nicht einfacher gemacht, offen mit meinen Problemen umzugehen.

Als ich nach Dänemark gekommen bin, habe ich an einer Ganztagsvolkshochschule gewohnt. Und wie die Lehrer dort mit Problemen umgegangen sind, war ein riesiger Schock für mich. Es war vollkommen anders, als ich es je erlebt habe oder erwartet hätte. Dort wurden unter den Lehrern absolut alle größeren Probleme von Schülern geteilt. Ich habe mich irgendwann dazu entschieden einer Lehrerin von meiner Essstörung zu erzählen, weil ich mir in den ersten Wochen dort sehr schwer getan habe. Am nächsten Tag wussten alle Lehrer Bescheid. Und so ging es jedes Mal, wenn bei mir irgendwas schlecht gelaufen ist. Manchmal wussten sogar alle Angestellten Bescheid: Küche, Hausmeister und Putzangestellte. Die Schule glaubt, dass es wichtig ist, dass die Mitarbeiter über Herausforderungen von Schülern Bescheid wissen. Ich bin bis heute nicht glücklich darüber, wie viel sich die Lehrer dort an der Schule austauschen, aber ich sehe teilweise den Sinn dahinter. Ich finde es sehr extrem, aber es hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken gebracht. Ich habe gelernt, dass es wirklich oft helfen kann mit Diagnosen und Problem offen umzugehen. In den letzten Jahren habe ich also angefangen offener über meine Essstörung, Depression und über Asperger zu reden und ich habe bisher wirklich nur positive Reaktionen bekommen.

Eine der ersten Situationen, in denen ich mich entschieden habe, dass meine Essstörung kein Geheimnis bleiben sollte, war bei einem Mittagessen an der VHS. Alle Lehrer wussten ja, dass ich eine Essstörung hatte. Deswegen kamen von denen keine komischen Kommentare. Aber von den Hausmeistern und meinen Mitschülern kamen immer wieder Kommentare zu meinem Essen…wieso ich nicht mehr esse, wieso ich nicht etwas anderes esse oder wieso ich nicht aufesse. Ich habe mir selbst schon schwer genug getan überhaupt etwas zu essen. Diese Kommentare haben dann nur dazu geführt, dass ich am liebsten weggerannt wäre und gar nichts mehr gegessen hätte. Und so lief es an manchen Tagen auch. Ich habe mich dann dazu entschieden, meinen Mitschülern von meiner Essstörung zu erzählen, wenn sie „doofe“ Kommentare zu meinem Essen gemacht haben. Und ich habe eine Lehrerin gefragt, ob sie mit den Hausmeistern reden kann. Und seitdem war immer alles in Ordnung. Ich habe nie mehr Kommentare zu meinem Essen bekommen und die Essenszeiten waren viel entspannter für mich.

Als ich eine Depression bekommen habe, habe ich an der VHS in der Küche gearbeitet. Es waren jeden Tag nur ein paar Stunden, aber es war trotzdem schwer für mich. Weil an der Schule ja jeder über alles Bescheid wusste, wussten meine Kollegen natürlich auch, dass ich eine Depression hatte. Und das hat alles so viel einfacher gemacht. Meine Kollegen wussten dann einfach, dass sie mich manchmal ein bisschen „an die Hand nehmen“ müssen oder dass ich öfters Pausen brauchte.

Mit meiner Asperger Diagnose gehe ich auch wirklich offen um. Von meinem ersten Erlebnis damit habe ich vor ein paar Monaten schon in meinem Beitrag „Menschen sollten aufhören andere zu verurteilen“ erzählt. Vor kurzem war ich aber auch in der Arbeit in einer Situation, in der es wirklich geholfen hat Bescheid zu geben, dass ich Asperger habe. Vielleicht könnt ihr euch an meinen Beitrag „Mein Sommerjob“ erinnern. Da habe ich schon erzählt, dass ich mir auf der Arbeit mit ein paar neuen Kollegen ziemlich schwergetan habe, weil die die ganze Zeit reden wollten und ich dafür gar keine Energie hatte. In der Küche ist es so laut. Da muss ich oft eher so in meiner eigenen kleinen Welt rumträumen. Ich habe dann lange hin und her überlegt, ob ich meinem neuen festangestellten Kollegen von meiner Diagnose erzählen soll. Ich habe mich irgendwann dafür entschieden. Ich habe ihm gesagt, dass ich wegen dem Asperger Syndrom sehr lärmempfindlich bin und ich es deswegen nicht mag, wenn er immer mit Small Talk anfängt. Und er hat wirklich gut reagiert. Er war sehr verständnisvoll und hat gemeint, dass er auf jeden Fall darauf Rücksicht nimmt. Und es hilft mir auch sehr, weil ich mir nicht mehr doof vorkomme, wenn ich zum Beispiel mal wieder unendlich viele Fragen stelle, wie genau ich etwas schneiden soll oder so 😉 Ohne ganz genaue Anweisungen komme ich nämlich nicht weit.

In den wenigen Jahren, in denen ich jetzt offen mit meinen Diagnosen umgegangen bin, habe ich also wirklich nur positives Feedback bekommen. Und oft öffnet so etwas auch für ganz andere Gespräche. Es gibt so viele andere, die auch Probleme haben und sich nur nicht trauen es anzusprechen.

Man könnte sagen, dass ich mittlerweile von einem Extrem ins andere bin. Früher habe ich niemandem von meinen Problemen erzählt. Mittlerweile habe ich meinen Blog und erzähle öffentlich von meinen Diagnosen. So weit muss natürlich nicht jeder gehen, aber ich hoffe, dass Leute in der Zukunft offener über (psychische) Probleme und Diagnosen reden, damit das Tabu gebrochen werden kann. Ich glaube fest daran, dass es wirklich vielen Menschen helfen kann.

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