Bin ich anders?

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Asperger als Kind

Ich habe mir als Kind schon oft gedacht, dass ich komisch oder anders war. Mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass sich vieles davon mit dem Asperger-Syndrom erklären lässt, aber bestimmt nicht alles. Jeder ist immerhin ein bisschen anders.

Hier ist schon gleich das Erste, wo ich glaube, dass ich auf eine sehr andere Art und Weise denke. Ich sage oft, dass ich komisch bin oder anders, dass ich ein Freak bin oder verrückt. Aber 90% der Zeit sehe ich das wirklich nicht als etwas Schlechtes an. Es hat wirklich lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass andere nicht verstehen, dass es für mich einfach nur eine Feststellung ist, dass ich eventuell etwas anders als die meisten anderen Leute bin. Alle anderen haben immer gedacht, dass ich total schlecht über mich selbst rede und denke. Viele Psychologen haben auch immer versucht mich davon abzubringen so etwas zu sagen. Aber ich sage das einfach nur so und meine es nicht negativ.

Eine der Dinge, wo ich schon immer extrem war, war Essen. Ich bin unglaublich wählerisch. Ich habe vor kurzem in einer Asperger Gruppe gelesen, dass viele Autisten sehr wählerisch sind. Das hat mich echt beruhigt. Das heißt, ich bin nicht die einzige. Schon im Kindergarten hat man mich nicht dazu bringen können etwas zu essen, was ich nicht mochte, und da hat sich bis heute wenig geändert. Ich zwinge mich zwar immer wieder dazu etwas Neues auszuprobieren, aber ich bin immer noch die wählerischste Person, die ich kenne.

Meine nächste Erinnerung von etwas, wo ich vermutlich sehr anders war als andere Kinder, ist von der Zeit, wo ich so zwischen sechs und 12 war. Meine Mutter hat immer versucht mich dazu zu bringen irgendwelche Freizeitaktivitäten anzufangen. Ich habe so gut wie alle gehasst und sie wieder aufgehört, manche sogar ohne meiner Mutter Bescheid zu geben. 😉

Den einzigen Sport, den ich für mehrere Jahre gemacht habe und auch Trainerin darin geworden bin, war Turnen. Mittlerweile weiß ich auch wieso. Hier kommt meine Asperger Diagnose mal wieder ins Spiel. Wie ich in meinem Blogbeitrag „Frauen schauen sich viel ab“ schon geschrieben habe, brauche ich in allen neuen Situationen jemanden, bei dem ich mir abschauen kann, wie ich mich richtig verhalte. Und bei den meisten Freizeitaktivitäten, die ich ausprobiert habe, war ich alleine ohne jemanden, den ich kannte. Natürlich sind da viele andere, bei denen ich mir alles abschauen könnte, aber irgendwie klappt das bei mir nicht. Ich brauche jemanden, den ich kenne und dem ich vertraue. Und so war das später bei mir beim Turnen. Da hatte ich meine besten Freunde dabei.

Manchmal hab ich gelogen

Als ich so ungefähr 12 war, ist mir noch etwas Außergewöhnliches an mir aufgefallen. Alle haben sich immer gerne mit ihren Freundinnen getroffen. Ich habe eine meiner Freundinnen angelogen und ihr gesagt, dass ich keine Zeit habe. Ich kann mich nicht mehr ganz an alles erinnern, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie angelogen habe, weil ich einfach nicht wusste, wie ich sie wieder „loswerden“ sollte, wenn ich wieder alleine sein wollte oder wie ich sagen sollte, dass ich keine Lust mehr hatte bei ihr zu sein. Und hier kommt wieder die Asperger Erklärung. Wir Autisten wissen einfach oft nicht, was wir sagen müssen. Früher dachte ich, ich wäre komisch. Mittlerweile weiß ich zumindest wieso 😉

Ich habe zwar in meinem Blogbeitrag „Gespräche kann man lernen“ geschrieben, dass ich bestimmte Sätze einfach auswendig gelernt habe, aber diese Sätze, die man braucht um andere zu bitten wieder zu gehen, kenne ich bis heute nicht.

Als ich ein Teenager wurde, kam ich mir dann wirklich anders vor, leider nicht positiv anders. Ich war ziemlich deprimiert. Ich weiß bis heute nicht, ob es eine Depression war oder ob es vielleicht damit zusammenhängt, dass ich nicht gut genug auf mich aufgepasst habe, weil ich nicht wusste, dass ich Asperger habe oder ob es eine ganz andere Erklärung gibt. Auf jeden Fall war ich einfach nicht wie meine Freunde. Ich war unglücklich und hatte nicht die Energie, mich mit meinen Freunden zu treffen und ich habe angefangen die Schule zu hassen.

Wie eine andere Sprache: über Gefühle reden

Als ich dann deswegen eine Therapie angefangen habe, ist mir noch etwas Komisches an mir aufgefallen. Ich war unglaublich schlecht darin über Gefühle zu reden. Es war, als ob von mir verlangt wurde eine unbekannte Sprache zu sprechen. Ich konnte sagen, dass ich mich schlecht fühlte, aber ich hatte keine Ahnung, was es genau war. Mittlerweile bin ich etwas besser darin geworden, aber ich bin immer noch am Lernen.

Was noch anders für mich ist und mit dem Thema Gefühle zu tun hat, ist, dass ich Logik spannender finde. Das klingt jetzt, als hätte ich keine Gefühle. Ich habe jede Menge Gefühle so wie jeder andere Mensch auch, aber ich glaube, ich lasse mich einfach mehr von Logik lenken als von Gefühlen. Da gibt es aber natürlich auch Ausnahmen. Ihr habt vielleicht in meinem Beitrag „Essstörung und Selbstverletzung“ gelesen, dass ich Probleme damit hatte und das war natürlich nicht ganz so gut durchdacht, falls man das so sagen kann.

Was mir dann die letzten Jahre noch sehr aufgefallen ist, ist, dass ich neue Dinge und Veränderungen wirklich nicht mag. Ich war ja vor ein paar Jahren an so einer Art Ganztagsvolkshochschule in Dänemark und wir haben dort immer mal wieder Ausflüge gemacht oder unser Stundenplan war mal eine Woche anders als in den anderen Wochen und ich habe beides so gehasst. Bei manchen Ausflügen bin ich nicht mal mitgegangen, weil ich mich einfach zu unwohl gefühlt habe.

Bin ich also anders? Ich glaube schon. Aber für vieles habe ich jetzt nach der Asperger Diagnose zumindest eine Erklärung und dafür bin ich sehr froh. Wie gesagt, ich mag logische Dinge und die Diagnose erklärt einfach so vieles.

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